»Schade,« bedauerte Dimitri Sergewitsch leise.
Allein auch er kam durch keine Andeutung auf seinen vereitelten Wunsch zurück.
Mit ein paar respektvollen Worten bat er, sich auf einer Mooserhöhung lagern zu dürfen, und als ihm dies freundlich gewährt war, da ließ sich der Oberst auf dem Erdbuckel nieder, ohne sich jedoch auszustrecken oder irgendwie eine lässige Haltung anzunehmen. Die Vornehmheit seiner Gewohnheiten oder Erziehung äußerte sich eben ganz ungezwungen in jeder Lage. Und doch – trotz dieser Rücksicht – empfand es Johanna schmerzlich, als sich die fremde Uniform mitten zwischen den Farrenkräutern und Gräsern abzeichnete. Die umfriedete Ruhe des deutschen Waldes schien ihr dadurch gestört. Und ihr Blick heftete sich gezwungen auf ein kleines blaues Ordenskreuz, das der Offizier dicht unter dem Halskragen befestigt trug.
»Das ist wohl eine hohe Auszeichnung?« fragte sie endlich trotz inneren Zögerns.
Der Fürst nahm seine Mütze von den braunen Locken, zuckte die Achseln, und seine Hand begann mit der blauen Dekoration ohne große Wertschätzung zu spielen.
»Ich empfing das Ding,« äußerte er, »zum Fest der heiligen Wasserweihe. Irgendein Verdienst wurde meines Wissens damit nicht belohnt.« Und wieder ließ er das blaue Kreuz durch seine Finger schnellen.
Heilige Wasserweihe?! Wie unbegreiflich fern und einem anderen Volke angehörig doch die Bezeichnung jenes Festes hier unter den grünen Buchen klang. Und dadurch hervorgerufen stieg dem blonden Mädchen die Erinnerung auf, wie ihr Gefährte ja seinem Glauben nach einem bunten geheimnisvollen Ritus huldige, der seine Bekenner durch düsteren Pomp viel mehr an Orient und Osten knüpfte, als an das wunderlose, begriffsscharfe Europäertum. Ein zu seltsamer Gedanke, wenn man sich den distinguierten Mann betrachtete, der sich in nichts anderem von den ihr bekannten Herren unterschied, als durch die edle Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge und die schwermütige Schönheit, die über ihnen ausgebreitet lag.
Merkwürdig, auch der Fürst schien sich ähnlichen Vorstellungen über das, was Völker trennen und verbinden konnte, hinzugeben. Er hielt das schmale Haupt erhoben und verfolgte die Sprünge eines schwarzbraunen Eichkätzchens, das ohne einen Begriff von der Heiligkeit der Stätte in den oberen Ästen der Sankt-Annen-Buche herumturnte. Manchmal auch setzte es sich, so daß die Ruthe feinfaserig herabhing, um nach den beiden Menschen zu äugen, die in dieser grauen Ruhe der Baumriesen zu atmen und zu sprechen wagten.
»Welch unbegreifliche Grenzscheiden die Menschen sich doch errichten,« begann der russische Offizier endlich seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. »Das Trennende liegt mehr in unserem Gehirn und richtet dort Unheil an. Sehen Sie, verehrtes Fräulein, auf meinen Gütern, die gar nicht weit von Petersburg liegen, da gibt es Wälder von ganz gleicher Stille und Unberührtheit wie dieser hier. Ich bin Tage und Nächte lang durch sie hindurch geritten, und manchmal nach einer töricht durchschwärmten Zeit konnte ich jubeln gleich unseren kleinen uniformierten Ferienschülern, denn mich empfing in den stillen Gründen stets das Gefühl, als ob ich in die reinigenden Arme einer Mutter zurückkehrte. Und hier –?« Er schüttelte das Haupt und sah sich mit einem langen verwunderten Blick um.
»Nun, und hier?« fragte Johanna von ihrem Baumstumpf aus beklommen.