Und dann – wie furchterregend! Der Fürst schien schon wieder den versteckten Spuren ihrer Überlegungsreihen gefolgt zu sein. Ohne Zorn, nur mit einer Bewegung des Besserunterrichteten, erteilte er ihr auf ihre stillen Einwände die Antwort:
»Ich merke, Sie finden es verächtlich, mein gnädiges Fräulein, weil ich Ihnen so schonungslos über meine Volksgenossen berichte. Aber glauben Sie mir, darin liegt gerade die tiefe Tragik unseres Riesenreiches. Nirgends in der Welt leben der wirkliche Adel und die Oberschicht derartig von der dunklen Masse getrennt, ja durch unüberbrückbare Ströme geschieden, wie bei uns. Wir, die wir das Volk leiten und befehligen, sind im Grunde wurzellose Menschen; ich möchte beinahe sagen ohne festen Wohnsitz. Unsere Kleidung ist die englische, unsere Sprache die französische, und unser Bildungsdrang, wenigstens bei den Besten von uns, geht nach dem Deutschen. Wir wohnen gewissermaßen nur auf Besuch unter den Unsrigen, denn unsere größte Anregung und die tiefste Befriedigung unserer Nerven finden wir in den großen Städten des Westens. Wenn Sie vielleicht einwenden, daß gerade wir es sind, die eine allumfassende nationale Strömung erweckten, so muß ich Ihnen hier unter uns und einigermaßen beschämt bekennen, daß dies im Grunde nur eines der geistigen Mittel ist, durch die wir die unruhige, an religiösen Qualen leidende Menge am Zügel halten. Uns selbst aber wäre ein weiteres Überwiegen slawischen Einflusses direkt unbequem. Denn es würde uns allmählich an dem Auskosten aller feineren Genüsse hindern. Sie sehen also, mein Fräulein,« schloß der Fürst immer mit derselben schonungslosen Offenheit, »von welchem Zwiespalt die leitenden Männer bei uns ergriffen sind und zu welchen peinigenden Lügen sie ihre Zuflucht nehmen müssen, wenn sie nach außen hin das Gegenteil verkünden. Glauben Sie mir, mit diesen widersprechenden Gefühlen sind wir auch in den Krieg gezogen, für den uns das große Schlagwort, die berauschende Phrase absolut mangelt. Ganz abgesehen davon, daß wir uns aus einer Reihe unvermischter, meistens unterworfener Stämme zusammensetzen, deren Wünsche und Ziele weit auseinander streben. Und doch lieben wir diese unglückselige Heimat und beweinen sie.«
Johanna schlug das Herz. Ihr war es, als hätte hier ein sehr Unglücklicher gesprochen. Ein Mensch, der sich im heftigsten Streit von einer armen, ungebildeten Familie gelöst und der doch die Zusammengehörigkeit, unter der er litt, nicht vergessen konnte. Und als ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing, wie gelassen ihr Gefährte auf seinem Mooshügel saß, mit der schmalen Hand spielerisch über die Gräser streichend, als wenn er eben das Allergewöhnlichste und Selbstverständlichste offenbart, da ergriff sie plötzlich eine stechende Sorge um den schlanken Mann, mütterlich fast, wie sie immer gewohnt war, sich mitzuteilen. Daneben aber rang in ihr die Angst, ob es ihrer auch würdig sei, dem Gegner, der doch bedenkenlos das Schwert geschwungen, ein Zeichen des Trostes zu gönnen.
»Gottlob,« sagte sie endlich, »wir können uns in eine solche Zerrissenheit gar nicht hineindenken.«
Es sollte eine Teilnahme bedeuten, und sie ahnte nicht, wie preußisch kühl und überhebungsvoll ihre Rede ausgelegt werden konnte. Über die Lippen des Russen wehte auch sofort ein leicht mokanter Zug, um jedoch bald einem trüberen Ausdruck zu weichen. Und jetzt – das Mädchen griff fest nach dem Baumstumpf, auf dem es saß – jetzt schimmerte in den Augen des Mannes wieder jene Schwermut, die Johanna so oft an dem Bilde in ihrer Schlafkammer beobachtet. Wenn sie sich an diese Ähnlichkeit erinnerte, dann schwand jedesmal alle Beherrschung von ihr, und fröstelnd empfand sie, daß etwas Altes, längst Bekanntes zwischen ihnen beiden walte. Sie wollte sich dagegen wehren, aber der bindende Zauber spann ungehindert herüber und hinüber. Dazu strich ein Rauschen durch die Wipfel der Buchen, rötliche Blätter wirbelten durch die graue Dämmerung, und ganz hinten in dem jungen Gehölz neigten sich die dünnen, armstarken Stämme kosend gegeneinander.
»Wie scharf Sie beobachten können,« kehrte Dimitri fast gewaltsam zu dem verlassenen Gespräch zurück, und dabei bettete er sich den von der Schulter herabhängenden Säbel quer über die Knie, »Sie gebrauchen gerade das richtige Wort, liebes Fräulein: Zerrissenheit. Sie ist unser schlimmster Feind. Ich meine nicht die politische, sondern die innere, die leider ein durchgehender Zug unseres Charakters ist und durch Bildung oder Gelehrsamkeit nur noch verstärkt wird. Ich fürchte fast, daß ich Ihnen selbst die Grundlage für Ihre Behauptung lieferte.«
Da erblaßte Johanna.
»Durchlaucht,« sträubte sie sich, »Sie scherzen wohl nur. Wie hätte ich mich mit irgend etwas, was Ihre Lebensgewohnheiten oder Ihren Charakter betrifft, beschäftigen können?«
Der Russe ließ die goldene Troddel seines Wehrgehenkes achtlos durch seine Finger gleiten.
»Ach ja, gewiß. Verzeihen Sie, wenn ich mich einer Täuschung hingab. Wir betrügen uns alle gern. Aber Sie hätten vollkommen recht. Der innere Widerspruch verzehrt uns. Und ein Grauen überfällt die meisten, die ihn zu sehen vermögen. Nehmen Sie an, ich spräche von guten Freunden von mir. Es sind Leute, die sich beharrlich weigern, auf der Jagd ein Reh oder einen Hasen zu töten, weil sie in dem Pulsschlag des Wildes den ihrigen zu vernehmen glauben. Mitleidende in der großen Trauer des Lebens. Und dieselben Leute fühlen rieselnde Schauer der Wollust, jetzt, da der Krieg sie zwingt, ihre Säbel durch weiche Gehirne sausen zu lassen.«