»Nicht doch,« stammelte Johanna, vor deren Augen es dunkelte, und griff nach dem Stamm der Buche.

»Doch, doch,« hörte sie ihren Gefährten durch den grauen Dämmer hindurch beharren. »Es sind dieselben Leute, die sich am Morgen, von einer jagenden Angst getrieben, in die Untiefen der Religion stürzen. Mittags hängen sie mit geschlossenen Augen am Seil einer philosophischen Morallehre, damit sie die unter ihnen schäumenden Wogen des Lebens nicht zu sehen brauchen, und abends werden jene Menschen von irren Krämpfen nach Sinnenlust und Ausschweifungen geschüttelt! Können Sie diesen echt russischen Gegensatz auch nur fassen, mein Fräulein?«

Der Sprechende stieß die Säbelscheide in den Waldboden, warf kleine Moosbrocken in die Höhe und wandte sich ab, um die Rufe des Kuckucks zu zählen. Alles Gebärden eines Menschen, der nichts getan, als daß er über einen bekannten und keineswegs beunruhigenden Gegenstand geplaudert. Seine Zuhörerin jedoch wurde von einer auffallenden Blässe bedeckt. Mehrfach setzte sie an, um sich von ihrem Platze zu entfernen. Unerträgliche Dinge hatte sie unter dem heiligen Baum gehört, verworfene Bekenntnisse, die den Redner gewiß näher angingen, als er zugeben wollte. Der Fürst aber – als wenn er es geahnt hätte – riß die Überlegende sofort wieder in seinen Wirbel zurück.

»Machen wir es kurz,« meinte er in seinem anmutigen Akzent: »die Intelligenz Rußlands ist ein ungeheurer Kessel. Schwarz und weiß, Heiligkeit und Verbrechen, Schlaffheit und Wut, Güte und Bestientum, Keuschheit und Raserei, alles kocht in ihm durcheinander. Und eines Tages werden die zischenden Blasen überbrodeln, und der Kessel wird voll Blut sein. Im ganzen ein widerliches Gericht. Widerlich,« wiederholte er und machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn er von seinem Waffenrock eine häßliche Spinne abschleudern müßte; »grauenhaft, wenn man ernstlich daran denkt. Denn es gibt dafür keine Erlösung. Mon dieu,« lachte er plötzlich und breitete beide Arme aus, »bestes Fräulein, können Sie vergeben, daß ich Sie mit diesen urslawischen Tollheiten so sehr langweilte?«

Leichtfüßig schritt er auf sie zu, kreuzte die Arme auf den Rücken und lehnte sich dann dicht bei ihr an den Stamm der heiligen Buche. Seine Mütze hatte er auf dem Mooshügel liegen lassen, und so fielen ihm die braunen Locken wellig über die Stirn. Mit offenem Wohlgefallen glitten seine Blicke an der kräftigen Gestalt des Mädchens herab.

»Es ist sonderbar,« sagte er endlich mehr zu sich selbst, »ein so starkes, unbeirrtes Weib in seiner Nähe zu wissen. Man glaubt förmlich die Gesetzmäßigkeit eines solchen Lebens zu hören.«

Er tat noch einen weiteren Schritt gegen sie. Zögernd streckte er die Hand nach dem Mädchen aus, als ob er bittend ihre Rechte berühren wollte. Johanna aber, obwohl sie flammend rot wurde, regte sich nicht. Da ließ der fremde Offizier seinen Arm sinken.

»Würden Sie mir nicht entdecken,« fuhr er ermunternd fort, ohne die Abweisung weiter zu berücksichtigen, »wie Sie zu dieser Festigkeit gelangten? Ihre innere Ruhe wirkt unbeschreiblich wohltuend. Sie sind jung – ich will Ihnen weiter keine Komplimente machen – aber wie konnten Sie so viel drückende Pflichten auf sich nehmen? Die Bewirtschaftung Ihres Gutes, den Schutz für Ihre Schwestern und jetzt sogar den Widerstand gegen uns? Soviel Sammlung bei einer Frau ist wohl auch in Ihrer Heimat selten. Ich wäre außerordentlich dankbar, wenn Sie mir einen Einblick gestatteten.«

Aber Johanna verzog die Stirn.

»Empfinden Sie wirklich ein Interesse für meine Familiengeschichte?« wies sie ihn ab. »Man wird eben das, wozu die Verhältnisse uns stempeln.« Und etwas freundlicher setzte sie hinzu: »Ich glaube, Sie haben dies auch an sich selbst erfahren.«