»Jetzt können Sie sich zusammenreimen, wie alles gekommen ist,« sagte sie bitter, und dabei schüttelte sie sich unwillig, wie jemand, der nur gezwungen zu einem Geständnis hingerissen wurde. »Kommen Sie, ich will nach Hause.«

Langsam, nebeneinander, verließen sie den grünen Hain.

Aber es war nicht mehr dieselbe Gegend, die sie vor Stunden, aufatmend vor der lastenden Hitze, betreten. Und jetzt erkannten sie auch den Unterschied. Das heitere, tanzende Licht war von ihren Pfaden gewichen. Ganz allmählich, unmerklich für die noch von Flimmer und Bläue erfüllten Augen war zuerst ein dunstiger Rauch über den Horizont geflogen. Tiefer und tiefer hatten sich die grauen Gespinste gesenkt, bis die Häupter der Bäume in ihre Maschen eingetaucht waren. Die letzten spielenden Strahlen hafteten nur noch als schwefelgelbe Flecke an den schweigenden, schwermütigen Stämmen. Allein bald erloschen auch diese grellen Feuer, und nun lag der Wald in unheimlicher Stille. Reglos starrten die Blätter einander – wie verzaubert – an. Schwarze Streifen von Ameisenzügen strebten in betäubendem Gewimmel ihren Haufen zu. In scharfem Flug strichen unerkennbare Vögel durch die grauen Schatten, und der ganze Wald hauchte plötzlich nichts als Leere und Verlassenheit.

Die beiden Wanderer aber hielten inne und blickten einander an. Schwer atmend fühlten sie, wie eine bängliche Beklommenheit ihre Stirnen einpreßte. Zeit und Pulse schienen hier still zu stehen, und nur das wiegende Summen der Fliegen und Bienen reizte ihre gespannten Nerven.

Plötzlich bogen sich in der Ferne die jungen Stämme gegeneinander, schnellten wieder empor, und durch das verdunkelte Gehölz zischte ein Windstoß. Ein langes dumpfes Poltern rollte hoch oben über die starren Baumwipfel dahin. Aber dort!? – Über der winzigen Waldwiese zuckte es. Eine feurige Zickzacklinie züngelte durch die dunklen Stämme, hastig brachen und raschelten einige Äste, und ganz von fern erhoben sich ein paar dünne, ängstliche Vogelstimmen. Krachend schmetterte der erste Schlag. Und ohne jeden Übergang prasselten, von einer wütenden Windsbraut getragen, Regen und Hagelschauer schräg gegen die beiden Wanderer.

»Treten Sie unter den Baum zurück,« rief der Fürst, auf dessen Mütze und Schultern die weißen Körner tanzten, und dabei griff er ohne Besinnen nach dem Arm seiner Begleiterin.

Jedoch Johanna riß sich los und lief, so schnell sie vermochte, am Waldesrand entlang.

»Es ist nicht gut hier unter den Bäumen,« widersprach sie, »schnell, wir müssen die Lichtungen benutzen.«

In hastigen Sprüngen setzte das Mädchen vor dem Manne dahin. Graue Regenströme hüllten sie in einen rauschenden Mantel, rote Wolken welker Blätter stäubten ihr entgegen; sie ließ sich nicht aufhalten, sondern stürmte mit vorgeneigtem Leib gegen sie an. Manchmal kam es dem Nachfolgenden sogar vor, als finge er ein mutiges Lachen auf. Und trotz seiner halb geblendeten Augen stutzte der Russe. Die germanischen Sagen fielen ihm ein. Von den Schlachtenmädchen und den Eisriesen. Und im Moment fand er dieses befremdliche Lachen ganz natürlich.

Weiter ging es. Besinnungslos rannten sie dahin, nur auf Sekunden in den Wald lauschend, so oft das Knattern und Knallen sich unmittelbar über ihren Häuptern entlud. Ein bleierner Rauch begann aus den Büschen zu quellen. Es war, als ob auch der feste Boden zu brennen und zu fiebern anfinge. Die Kleider klebten ihnen an den Gliedern. Längst war das Rascheln von Johannas dünnen Gewändern erstorben, und immer vernehmlicher klang das kurze Keuchen und Röcheln der Fliehenden.