Längst hatte sich Johanna umgekleidet, aber sie mußte wohl zu lange in ihren durchnäßten Gewändern verbracht haben, denn, wenn sie auch am Fenster ihres Schlafzimmers lehnte, um müde in das Unerkennbare hinauszustarren, durch ihre Glieder schnitt ein Frösteln, immer von neuem stürzten ihre schleppenden Gedanken wie irgend etwas Tönernes zusammen, und eine Weile mußte sie sich dann durchs Leere tasten.

Dazu diese wühlenden, brennenden Kopfschmerzen! Nein, sie war noch nie krank gewesen und wollte auch diesmal nicht nachgeben. Aber der irre Drang, der sie umtanzte, der sich aufrichtete und sich an sie hing, er zog ihr den Boden unter den Füßen fort und ließ ihre Knie zittern.

Trotzig, mit hocherhobenen Armen, warf sich das Weib, das nicht unterliegen wollte, auf sein Lager zurück und wühlte die Stirn in die kühlen Kissen ein.

Ruhig, ruhig, endlich mußte sich doch das zerstückte Bewußtsein zurückfinden, man mußte nur den Willen zu Hilfe rufen, den eisernen Willen, der bis dahin Maritzken jedes Gesetz gegeben, und dann, – ja ganz sicher – dann würden sich all die flatternden Fetzen zu einem sichtbaren Gewebe verknüpfen; man würde es durch die Hände laufen lassen, man würde es prüfen, und dann, dann würden Angst und Bedrückung und Verworrenheit weichen. Alles, was jetzt schemenhaft, als wahnsinnige Traumgestalten durch ihr Hirn gaukelte, das lebte ja nicht, das hatte sein flammendes Dasein aus den Feuern des Blitzstrahls gesogen, und mußte verrauchen und zu Asche sinken, sobald kühle Vernunft dem Spuk in die funkelnden Augen sah!

Stöhnend mußte die vor Scham Fiebernde sich eingestehen, daß alle ihre Gedanken, ihr ganzes Vorstellungsvermögen wie in einer engen, brennenden Grube eingefangen waren, aus der es für sie keine Möglichkeit gab, zu entrinnen. Und auch der Umstand, daß der erste müde Blick in die Umwelt ihr eine fremde Uniform gezeigt hatte, die schattenhaft durch die Tür entschwand, was bewies er schließlich anderes, als daß ihre Phantasie bei dem Menschen stehen geblieben war, mit dem sie sich zuletzt bei vollem Bewußtsein beschäftigt?

Mit einer wegwerfenden Gebärde erhob sie sich und siehe da, sie stand fest auf ihren Füßen. Das erste, was sich in ihr regte, war die Absicht, irgendwo ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Ein rascher Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk belehrte sie darüber, daß die Abendstunde angebrochen sei, in der sie sich nach dem Befinden und den Wünschen Sassins zu erkundigen pflegte. Ruhig strich sich Johanna das Haar aus der Stirn, ordnete ihre Kleider und entzündete ein Licht, um sich durch den schmalen Gang voranzuleuchten. Als sie nach kurzem Klopfen bei dem Rittmeister eintrat, saß der Kranke auf dem einfachen braunen Ripssofa, hielt die Arme auf den Tisch gestützt, und sein plumpes Gesicht starrte schwermütig auf die weiße Glocke der vor ihm brennenden Lampe. Kaum erkannte Leo Konstantinowitsch die Hausherrin, so machte er einen Versuch, sich zu verneigen, woran er jedoch von der Nähertretenden gehindert wurde. Aufrecht wie immer blieb das Gutsfräulein an dem Tisch stehen, ohne der Einladung des Russen, Platz zu nehmen, irgendeine Beachtung zu schenken. Bald waren die üblichen Fragen erledigt, und nachdem Johanna noch einen prüfenden Blick in die Runde geschickt, gedachte sie sich eben wieder zurückzuziehen, da wurde sie durch einen Ausruf des Kranken an ihrer Absicht gehindert.

»Bleiben, verehrtes Fräulein, bitte, bitte, bleiben,« rief der Russe so dringend hinter ihr her, daß sich die Enteilende seinem Verlangen nicht entziehen mochte. Dazu hüstelte Leo Konstantinowitsch wieder so mitleiderregend und preßte sich beide Fäuste mit aller Gewalt gegen die Brust. Er schien seine Schmerzen auf diese Weise dämpfen zu wollen.

»Ist hier noch etwas versäumt?« erkundigte sich das Mädchen, an den Tisch zurückkehrend.

»Nichts versäumt,« bemühte sich der Rittmeister in seiner gewohnten lebhaften Art hervorzusprudeln, »nicht das Allergeringste.« Und dabei riß er die Augen auf, um den Grad seiner Bewunderung anzuzeigen. »Vous tenez bon ordre, es geht alles – wie sage ich: nach dem règlement. Das ist es gerade, Madame, ich wollte Ihnen schon längst für vorzügliche Behandlung danken, die gar nicht verdiene.«

»Oh, lassen Sie das,« entgegnete Johanna von einem flüchtigen Mitleiden ergriffen.