»Du bist zu rücksichtsvoll, Nicolai Feodorowitsch,« kaute er, »wie oft soll ich dich noch darauf hinweisen? Das Verbrechen der Deutschen ist zu niederträchtig, als daß ich geneigt wäre, ihnen irgendwelche Vergünstigungen zu gönnen. Du mußt wirklich dein gutes Herz bezähmen. Setze mir den Mann vorläufig in den Turm, und das Weib –,« er klirrte etwas lauter mit dem Geschirr – »wir wollen nicht vergessen, was wir ihrem Geschlechte schulden, – das Weib kann den Morgen in einem der Büros erwarten. Und nun gute Nacht, Nicolai Feodorowitsch, ich denke, du wirst es selbst eilig haben.«


Es schlug gerade Mitternacht, als Rudolf Bark in dem Teil des Gebäudes anlangte, den man sehr mit Unrecht als den Turm bezeichnete. Von Isa hatte er sich mit einem kurzen, fast gleichgültigen Händedruck getrennt, denn nur der eine Wunsch beherrschte beide gleichmäßig – Schlaf und Ruhe. Auch glaubte der Konsul, daß es sich bei seinem Gewahrsam wahrscheinlich um ein Zimmer handele, wie es nach deutschen Begriffen den Voruntersuchungs-Gefangenen gewährt wird. Deshalb taumelte er beinahe betäubt zurück, als der begleitende Gendarm endlich eine Mauerhöhlung aufschloß, die der Kaufmann im Vorüberschreiten für einen Vorratskeller oder eine unterirdische Waschküche gehalten hatte.

»Du kannst dir diese Laterne mitnehmen,« gähnte der schielende Gendarm in einem Anfall von Mitleid. »Aber sobald du liegst, bitte ich mir aus, daß sie ausgelöscht wird. Es ist strenge Verordnung, hier kein Licht zu brennen, verstehst du?«

Damit drückte er dem Konsul die Leuchte in die Hand, schob ihn mit kräftigem Nachdruck in den finsteren Raum hinein und schloß gemächlich hinter dem Eingekerkerten wieder ab. Dem Konsul aber trat der kalte Schweiß auf die Stirn. Mit zitternder Hand streckte er die Laterne von sich und erkannte ein enges, kreisrundes Loch, das über und über mit Stroh beschüttet war. Ein fauliger, verwesender Geruch stieg aus den Halmen empor, und der scharfe Dunst eng aneinander gepreßter, verwahrloster Menschen mischte sich drein. Da lagen sie dicht nebeneinander, zerlumpte, bettelhafte Gestalten mit grüngrauen, eingefallenen Gesichtern, und keine Decke, kein Kissen wehrte von den fröstelnden Leibern den feuchten Dunst ab, der aus den schimmligen Ziegelsteinmauern herausschlug. Und dennoch füllte lautes Schnarchen dieses trostlose Gemäuer, und selbst das hereinstrahlende Licht und der neueintretende Leidensgefährte, sie veranlaßten keinen jener Ausgestoßenen auch nur das Haupt zu erheben, um sich über die späte Störung zu vergewissern.

Unfähig, noch weitere Eindrücke in sich aufzunehmen, ließ Rudolf Bark die Laterne sachte zu Boden gleiten und kauerte selbst in einer seltsam verkrümmten Stellung nieder. Die Füße, die er mit den Armen umschlang, dicht gegen das Kinn gepreßt, so hockte er auf der fauligen Schüttung, um seine weit geöffneten, ungläubigen Augen um ein entsetzlich besudeltes Faß kreisen zu lassen, das genau die Mitte des Raumes ausfüllte. Ein atemlähmender Geruch entströmte diesem Gefäß, und es war dem Gefangenen, wie wenn ihm eine Faust gegen die Stirn krache, als er endlich entdeckte, welchem Zweck das runde Gerät in der Mitte diene.

Ein Flimmern tanzte vor den Blicken des unbeweglich Zusammengekrümmten, und ein heiseres Stöhnen entrang sich seinen Lippen. Die ungeheure Demütigung, der prasselnde Sturz von den Höhen des Lebens bis in diese Höhle voll Aussatz und Verworfenheit, sie wendeten die Seele des sonst so sicheren und gefaßten Mannes um und schmetterten sie in eine fiebernde Verzweiflung. In seinem Hirn begann es zu bohren und zu nagen, als wenn sich Würmer dort Eingang verschafft hätten, die nun langsam ihres Weges krochen. Er fing an zu überlegen. Seiner Mittel war er beraubt. Von der Gefährtin hatte man ihn getrennt. Und wer konnte sagen, wie lange er hier in der finsteren Pesthöhle ausharren müsse? Bei dem stumpfen Geschehenlassen und der Unordnung, durch die sich russische Gerichte auszeichneten, konnte es sich – namentlich in wild bewegten Kriegszeiten – ereignen, daß Monate, daß Jahre vergingen, bevor man sich seiner erinnerte. Vielleicht war er längst lebendig verfault, ehe dem gefräßigen Polizeimeister zwischen Suppe und Braten das Gedächtnis an das unterlassene Protokoll aufstieg. Beschwerden? Wer würde die aus dem stinkenden Loch heraustragen und weitergeben, seitdem der Ausgestoßene nicht mehr imstande war, einen solchen Dienst gebührend zu belohnen?

Immer emsiger irrten die Würmer durcheinander, einer stets auf der Spur des Voraufkriechenden, und sie schienen ein Gift auszuspritzen, das den Grübelnden bis zum Wahnsinn reizte. Wie würde sich das Los von Isa gestalten? Zum erstenmal in ihrem kurzen Dasein verbrachte das junge, unerfahrene Geschöpf eine Nacht in einem fremden Hause. Wie, wenn sich nun der Pristav, um sich für die entgangene Lustbarkeit der Abendgesellschaft schadlos zu halten, des wehrlosen Mädchens besonders annähme? Ein furchtbarer Einfall! Grinsend saß das Grauen auf der übelduftenden Tonne und schüttelte seine Schlangenhaare.

Da wälzte sich etwas neben dem Konsul, und eine geschwollene Hand näherte sich der Schraube der Laterne, um das Licht auf einen Zug auszudrehen. Aus der undurchdringlichen Finsternis aber, die jetzt das unwirtliche Bild verschlang, knurrte die wüste Heiserkeit eines Trunkenboldes:

»Sollen wir deinetwegen, du Lump, wieder Prügel kriegen? Wenn du die Lederriemen das erstemal gespürt hast, wirst du keine solche Unvorsichtigkeit mehr begehen. Je weniger wir hier sehen, desto besser. Strecke dich aus und schlafe. Oder dünkst du dich in deinen gestohlenen Kleidern etwa zu gut dazu? Warte nur, Brüderchen, sobald du erst mit uns allen aus einer Schüssel gegessen hast, werden dir deine hochmütigen Grillen schon vergehen. Und nun schnarche.«