Mehrfach hatte das Landmädchen, dem sonst ein Tag ohne genau geregelte Arbeit als ein unmöglicher Zustand gegolten, sich aufgerafft, um mitten unter Trümmern und Verwüstung das gewohnte Tagewerk wieder aufzurichten. Aber nach kurzem Überlegen brachen alle diese Pläne abermals zusammen. Draußen aus der gesegneten Erde war alle Frucht durch gierige Hände aufgewühlt und fortgeschleppt, und durch die leeren Furchen peitschte der Wind. Die Stalltüren standen offen, und drinnen gähnten die abgeteilten Stände, aus denen das letzte Pferd und die letzte Kuh von dannen getrieben waren. Auf den Äckern rosteten die Pflüge, weil sie von keiner Männerhand mehr geleitet werden konnten, und auf den Vorratsböden verzehrten die Mäuse die traurigen Reste der Wintersaat. Alles öde und verkommen, das Land wie das Haus, um das Beste betrogen und bestohlen, und nichts zurückgeblieben, als jenes schwere, spannungsvolle Atmen, das nach Vergeltung verlangte.
Auch in Johanna zuckte manchmal während der erzwungenen Beschäftigungslosigkeit ganz plötzlich und sprunghaft solch eine wilde Gier nach ausgleichender Gerechtigkeit auf; oder noch besser die Sehnsucht nach einem Blitzstrahl, der züngelnd und krachend alles in den Boden schmettern sollte, was höhnisch und unrein, jede harmlose Regung überwuchernd, vor ihr aufgeschossen war. Manchmal auch schlug die Scham in ihr zur Höhe. Und dann segnete sie Gott dafür, daß sie hier wie ein ausgesetztes Tier verborgen und unerkannt durch das verlorene Anwesen streifen konnte. In solchen Augenblicken lief ein Zittern über ihren Körper, und zugleich bangte sie davor, der Neugier der wenigen Mägde zu begegnen, die noch zurückgeblieben waren. Wie leicht konnte sie solch unberufenen Spähern das schüttelnde Grauen verraten, das sie vor sich selbst hegte, seitdem sie von der Furcht verfolgt wurde, auch ihre kühle Reinheit sei von befleckten Händen entweiht. Die eigene Schwester, derjenige Mensch, der ihr nach natürlichem Recht der Nächste auf Erden sein sollte, er hatte ihr das Haus zu einer brennenden Hölle gemacht. Unmöglich, ganz unfaßbar dünkte es ihr, mit Marianne noch fürderhin unter einem Dache zu weilen, ihr heiteres Geplauder zu vernehmen oder die Sorgen der Gefallsüchtigen um die Erhaltung ihrer Schönheit aus der Nähe mit ansehen zu müssen, seitdem sie die Mitwisserin ihres widerlich haltlosen Leichtsinns geworden war. Aber warum schrie sie der Schwester in zornigem Aufflammen nicht ihre Anklagen ins Gesicht? Weshalb jagte sie die Gesunkene nicht von Heim und Herd, unbekümmert darum, ob der strudelnde Schwall der Geschehnisse sie verschlinge oder nicht? Großer Gott, aus welchem Grund erfüllte sie nicht ihre heiße Sehnsucht, zu vereinsamen und zu verdorren, sobald sie durch ein solches Opfer allen Schmutz und jeden Unrat von ihrer Schwelle fegen konnte? – Warum? – Nein, um alles Elendes willen, das vermochte sie nicht, das überstieg ihre Kräfte. In der großen herrschgewohnten Walküre war etwas gebrochen. So sehr die Verworfenheit ihrer nächsten Angehörigen an ihr zehrte, das schöne schwarze blühende Geschöpf war doch ein Wesen, auf das sie einmal alle mütterliche Sorgfalt geworfen und dessen sündhaften Fehltritt sie trotz rastlosen Nachsinnens noch immer nicht begriff. Vor allen Dingen aber wurde die Älteste von Maritzken von einer fressenden Scham verzehrt. So oft sie auch dazu anhob, unter keinen Umständen konnte sie es sich abgewinnen, mit der harmlos lächelnden Marianne eine kühle und gemessene Abrechnung über so viel Abscheulichkeit aufzustellen. Nein, – nein, – nein, nur das nicht! Lieber sich noch ärger foltern lassen und dann weiter fliehen wie ein aufgescheuchtes Gespenst durch die zerstörten Stätten ihrer Pflichten und Sorgen.
Inzwischen erfüllte sich draußen das Verhängnis.
Nicht als ob irgend eine besondere Kunde in das einsame Gehöft von Maritzken gedrungen wäre, nicht als ob die Gutsherrin die in einer fremden Sprache geführten Unterhaltungen hätte belauschen können, die einzelne zurückbeorderte Offiziere aufgeregt, scheu und in seltsamen Zischlauten mit dem kranken Rittmeister Sassin pflogen, den man in diesen Tagen höchster Ungewißheit ohne jede Pflege und ärztliche Aufsicht gelassen hatte; aber über die menschenleeren Straßen wehte etwas heran. Etwas Unklärliches, etwas Schicksalflüsterndes, das die Herzen stocken und die Sinne kochen ließ. Je leerer Wege und Stege wurden, desto deutlicher jagte das Unsichtbare vorüber, und hinter jeder aufsteigenden Staubwolke suchten gierige Blicke das Blitzen von Stahl und Eisen.
Es war an einem trüben Nachmittage.
Mit unverminderter Gewalt wütete der Sturm um das Haus. Die Türen der Ställe knallten in kurzen Schlägen auf und zu. Wie eine Nachäffung von Kampf und Schlacht rollte ein ewiger Donner durch die weißen Gebäude. Aber mitten durch das Toben des Elementes drang ein schmerzliches Stöhnen, ein Winseln und Wimmern, das Johanna, die gerade über einen der Gänge des zweiten Stockwerks schritt, nicht überhören konnte. Ganz sicher, das markdurchwühlende Ächzen, es stahl sich aus dem Zimmer des verwundeten Rittmeisters, dessen Verfall in den letzten Tagen auch den unkundigsten Blicken nicht verborgen geblieben war. Von einem heimlichen Schrecken durchdrungen und ohne lange abzuwägen, ob ihre Teilnahme einem Angehörigen der jetzt von ihr so bitter gehaßten Rasse galt, trat Johanna nach einem kurzen Anklopfen ein.
Was war das?
Seit Tagen schon hatte Leo Konstantinowitsch Sassin dauernd seinen zum Skelett abgemagerten Körper im Bett halten müssen. Jetzt aber saß der Rittmeister in dem grauen Feldmantel, aus dem sowohl das Einschußloch als die Blutspuren noch immer nicht getilgt waren, hinter einem mit Karten bedeckten Tisch, und die tief über die zerwühlten Haare gezogene Mütze sowie die stark nach Juchten riechenden Reiterstiefel an seinen Füßen bewiesen, wie der Hinfällige den wahnsinnigen Entschluß gefaßt haben müsse, der Stätte seines langen Krankenlagers endgültig zu entfliehen. Als die Tür knarrte, schrak der Kranke zusammen und fuhr mit den dürren Händen aufgeregt und haltlos über die bunten Blätter.
»Schönes Fräulein – schönes Fräulein,« hauchte er kaum noch vernehmlich, obwohl die sich bäumende Brust eine letzte Anstrengung hergab, »ich muß fort. Es geht mir überraschend gut, und deshalb muß ich es riskieren. Wo steckt mein Bursche? Ich habe ihn schon seit drei Tagen nicht mehr gesehen! Der Hund ist klug, er hat sich auf die Strümpfe gemacht. Ich will auch nicht länger in dieser Mausefalle sitzen bleiben, verstehen Sie? Unsere Idioten, diese verschlafenen Strohköpfe haben uns in nichts als Teiche und Sümpfe geführt. Sind wir Katzen, die man ersäufen will? Kommen Sie, kommen Sie, ein Blick auf meine Karten genügt. Jedes Schulmädchen wird das einsehen. Hier – und hier – und hier ... Eine gotteslästerliche Wirtschaft!« Wütend ballte er die Papiere zusammen und schleuderte sie, zu einer Kugel geformt, in die Ecke. »Jede Nacht habe ich davon geträumt, ich steckte immer bis zum Hals im Wasser. Aber jetzt ist es zu spät! Glauben Sie mir, man wird hier etwas Gräßliches erleben.«