Jetzt vermochte auch die Ältere den inneren Brand nicht mehr länger zu zügeln. Vor dieser bodenlosen Undankbarkeit barst ihre Verwandtenliebe und das erworbene Muttergefühl in Scherben auseinander. Eine Derbheit bemächtigte sich ihrer, die etwas Bäuerliches an sich hatte. Mit beiden Fäusten griff sie in die weichen Schultern der anderen und schüttelte sie hin und her, als wollte sie sich die Ungeratene vor die Füße schleudern.

»Genug,« kam es dabei ganz klar überlegt aus ihr heraus, »du sollst mir die Freude an der herrlichen Erhebung nicht vermindern. Du hast auch ganz recht, es wird Zeit, daß du dich auf eigene Füße stellst und die Verantwortung für dein Tun allein übernimmst. Ich wenigstens will und mag sie nicht länger tragen. Ich bin zu dumm und zu zurückgeblieben dazu.«

»Das bist du, das bist du,« schrie Marianne außer sich hinter der Schwester her, die bereits die Tür erreicht hatte; und in dem Bestreben, die Enteilende an einer besonders empfindlichen Stelle zu treffen, setzte sie die Hände in die Seiten und sprudelte, sich wiegend und in ihrem scharfen, rücksichtslosen Ton: »Auf eigene Füße soll ich mich stellen? Was steht mir nicht alles offen? Aber ich weiß schon was ich tue. Wenn sich mein Wunsch nicht erfüllt, dann – ja dann werde ich Schauspielerin. Dazu passe ich. Das haben mir schon viele versichert.«

Und in befriedigtem Triumph warf sie sich wieder auf das Ruhebett und langte mit angenommener Gleichgültigkeit nach dem Buch, ganz als ob sie imstande wäre, das Rollen und Toben, das Galoppieren und Schnaufen, all die wahnsinnig drohenden Laute der sich hemmungslos vorwärts schiebenden Massen zu überhören.

Doch kaum hatte Johanna die Tür mit einem harten Schall zugeworfen, da sprang Marianne von ihrem Lager, raffte ein Tuch über die Schultern und stürzte ohne Furcht noch Zagen über den Hof bis an die Einfahrt. Fest umklammerte ihre schmale Hand hier den viereckigen Pfeiler des Tores. Dann beugte sie sich hinaus und bohrte ihre Blicke mit einer zähen, verbissenen, ihr sonst ganz fremden Beharrlichkeit in den aufgescheuchten, durcheinander quirlenden Zug hinein.

Da – und da – und dort! – Überall einzelne Reitertrupps, unzusammenhängend, die verschiedensten Uniformen durcheinander gemischt, Kosaken, Dragoner, Artilleristen, dazwischen Teile versprengter Linienregimenter, triefend, kotig, die meisten ohne Waffen. Dahinter wild in die Voranrückenden hineingeschoben Proviantkolonnen mit flatternden und zerzausten Plantüchern, die der heulende Sturm hochtrieb und in Fetzen zerriß.

Eben noch dämmerte durch das schwerfällige Auffassungsvermögen des suchenden Mädchens eine dumpfe Ahnung, daß alles, was hier vorüber floh, ritt und rasselte, sich wie zerbrochene Scherben eines zerschlagenen Geräts ausnähme, verwüstet und niemals wieder zu einem bestimmten Dienst zusammenfügbar, – da geschah das, was den hellen Stern, der so lange über ihrem Haupte gefunkelt, herunterriß, um ihn in Kot und Schmutz zu begraben.

»Hilfe!« schrie Marianne gellend.

Einer der mit vier Pferden bespannten Bagagewagen war plötzlich durch eine Verwirrung der Stränge aus der Bahn der übrigen geschleudert. Wild zur Seite setzend, preschten die Tiere in das offene Tor hinein, krachend zerschellte das schwere Gefährt an den Mauern der Einfahrt. Und einem irren Triebe gehorchend, sprang die Hinausstarrende mitten in die vorüberhetzenden Trümmer der geschlagenen Haufen hinein.

Ein Stoß – und noch einer – ein lauter Schmerzensschrei, – dann ein Straucheln und Wiederemporgerissenwerden, – haarige Fäuste, die sich roh in die Kleider des Mädchens einkrallten, – zuletzt ein Schieben und Hinaufzerren der Bewußtlosen in einen der krachenden und kreischenden Planwagen. Was sich dort drinnen begab, das schlug zum Glück nur noch wie der letzte Schein eines Erblindenden gegen ihr Bewußtsein. Auf nassem Stroh lag sie ausgestreckt, inmitten blutender, stöhnender und fluchender Menschen, und doch fühlte sie noch im Versinken, wie eine verpestete, tierische Zudringlichkeit in ihrer ermatteten Schönheit wühlte.