Entsetzt schlug Johanna die Hände zusammen. Länger vermochte sie die schweigende Spannung, die zwischen ihnen beiden herrschte, nicht zu ertragen. Es wurde alles klar um sie herum, jetzt mußte unbedingt auch die Säuberung des verunreinigten Hauses folgen. Jetzt, bevor die Befreier ihren Einzug hielten.

»Mir scheint,« begann sie mit erhobener Stimme, indem sie näher auf die noch immer vor dem Spiegel Weilende zutrat, »daß du mit der Horde, die unser Dorf plünderte und ansteckte, die unsere Freunde und Verwandten niederschlug, nachdem sie unsere ganze Provinz bis zur Erschöpfung ausgesogen, ein überflüssiges Mitleid empfindest.« Voll und ohne abzuirren ruhten jetzt ihre großen blauen Augen auf den dunklen Zügen der Schwester, mit der sie ihre Rechnung zu Ende führen wollte. »Marianne« fuhr sie klar und unerschrocken fort, »ich habe nicht gelernt, Versteck zu spielen. Nimm an, ich wüßte genau, woher deine Sympathie stammt.«

»Ich hege keine Sympathie für die da unten« schrie Marianne ausbrechend und stampfte besinnungslos mit dem Fuß auf, denn die drohende Auseinandersetzung verstärkte ihren Widerwillen gegen die große, empfindungslose Blonde, die nicht wußte, in welchen Zwiespalt lodernde und glückfordernde Seelen geraten können.

Doch die Älteste von Maritzken blieb unerschütterlich. Ruhig hob sie das fortgeschleuderte Buch auf, um es sauber geglättet auf den Tisch zu legen, dann aber richtete sie sich zur Höhe und beharrte mit immer härterem Ton auf ihrer Meinung.

»Für die Masse vermagst du dich vielleicht nicht zu ereifern, um so mehr aber leider für einen Einzelnen.«

»Wie?«

Die Angegriffene fuhr empor, stützte sich auf die Tischplatte, und im Augenblick hatte sie den lange Jahre bewahrten Respekt vor der Großen völlig vergessen. Spurlos entschwirrte ihr die Erinnerung, wie die Arbeit dieses nüchternen blonden Weibes Tag auf Tag, Monate auf Monate Not und Schmach von der gemeinsamen Schwelle ferngehalten, ohne dafür etwas anderes zu verlangen, als daß auch die anderen Insassen des Hauses sich ihre eigene spröde Sauberkeit zum Muster nähmen. Nein, das alles entfiel der Erregten. Einzig und allein wurde sie von der fressenden Vorstellung geschüttelt, hier stände jemand, aus dem nichts als Haß und Neid emporschlage über das unerhörte Glück, das schon so nahe, zum Greifen nahe, über der Jüngeren, Schöneren geschwebt hatte. Und jetzt, gerade jetzt konnte jene goldene Hoffnung vielleicht dort unten vorübertraben, während sie gezwungen wurde, die kostbare Zeit durch ein dummes Familiengeschwätz zu vergeuden! Nie und nimmer!

»Was sollen deine heimlichen Andeutungen?« rief sie zitternd in der Scham einer Ertappten und doch voll Erbitterung darüber, daß sie noch immer wie ein kleines Kind gegängelt werden sollte, »ich bin selbständig und erwachsen und kann über mein Leben verfügen, wie ich Lust habe.«

»Ich weiß nicht, ob du das kannst,« entgegnete Johanna, sich noch einmal mit aller Gewalt bezwingend, »aber eines weiß ich sicher, ich würde in deinem Fall vor den Männern, die in wenigen Stunden hier sein werden, nicht die Augen aufzuschlagen wagen.«

»Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei? Ich bin genau so erbberechtigt wie du. Aber sei überzeugt, wenn es möglich wäre, hier fortzukommen, der Abschied würde mir nicht schwer fallen.«