So stand sie und starrte in die Umgegend hinaus, auf den fernen Feuerschein, auf die Felder, die von schwarzen Gestalten zu wimmeln begannen, auf die blauen Gehölze, die zerschossene, verwirrte Gespanne und rasselnde Züge schwarzer Kanonenrohre von sich ausspien.
Vorbei, vorbei. Das Klirren, das Sohlenknirschen unzähliger sich fortwälzender Fußgänger, der Wogenschlag und die Brandung heiserer vernichteter Menschenstimmen lärmten ununterbrochen an dem weißen Anwesen vorüber.
Der Erwartete aber kam nicht. Er kam nicht, wie sehnsüchtig und gierig auch zügellose Wünsche nach ihm ausschweiften. Und der Gutsherrin bemächtigte sich die Furcht, Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des Zaren, der Inbegriff und das Sinnbild einer zerfressenen Kultur, er könnte von den schwarzen Wellen dort unter ihr bereits unerkannt vorübergetragen sein.
Wenn das möglich wäre, wenn er sich so gleichgültig gebärdete, so rücksichtslos, so bitter feige! Und zum erstenmal in ihrer bangen Erwartung preßte sich Johanna die Faust auf die Brust, und ein Frösteln flog über ihre Glieder, weil sie den tiefsten Grund ihres irren Verlangens nicht mehr unterscheiden konnte.
Auch ein paar andere Augen wühlten sich beutehungrig hinter einem der nach der Straße gelegenen Fenster in den vorüberschießenden Menschenstrom ein. Schwarze, leuchtende Augen, die merkwürdigerweise in einem sehnsüchtigen Glanz schwammen, obwohl sie doch in Wahrheit nur von einem heißen, eigensinnigen Begehren erfüllt waren. Gleich Angelhaken schwankten Mariannes Blicke mit der sturmgdrängten, brüllenden und schreienden Masse dahin. Immer nur bereit, sich an ein einziges ersehntes Idol anzuklammern. Nicht eine Spur des Triumphes war in ihr, daß die eisengepanzerte Faust ihres Heimatlandes mit wuchtigem Schlag die fremden Bedränger vor sich her stieß, nicht die geringste Erhebung weitete ihre Brust über die dumpfe Wut und das ohnmächtige Entsetzen, welches die vorüberstürmenden Slaven empfanden, nachdem sie zum erstenmal in das gerunzelte deutsche Antlitz geblickt hatten. Nein, ihr abenteuernder und irrlichterlierender Geist errechnete nur schwindelhafte Möglichkeiten, wie sie für sich selbst mitten aus dem Zusammenbruch den blassen Schemen irdischen Glanzes erraffen könnte. Eine goldene Fürstenkrone auf ihr schwarzes duftendes Haar. Die gebührte ihr, die hatte man ihr zugesichert unter tausend zärtlichen Eiden. Und die alles Urteils Beraubte und von ihrer eigenen Schönheit völlig Betörte glaubte unverbrüchlich an diese ihr zäh im Gedächtnis haftenden, lächerlichen Schwüre. Bald streckte sich Marianne in dem kleinen Zimmer auf ein Ruhebett aus, um ihre widerspenstig zuckenden Nerven durch die Lektüre eines Romans zu beruhigen, bald schleuderte sie das Buch, aufgeschreckt durch das brausende Toben, das durch die Mauern quoll, verstört und verständnislos wieder von sich. Eben huschte sie vor den gebräunten Mahagonispiegel, denn in all dem Graus und Lärm mußte sie sich doch davon überzeugen, ob sich der schwarze Ledergürtel nicht störend verschoben hätte, da wurde rasch die Tür geöffnet, und mit hastigen Schritten trat Johanna zu ihr ein. Über der großen Blonden flammte noch das sonderbare Leuchten, der Abglanz des unerhörten Begebnisses, und das weiße Antlitz strahlte wieder stolz und kraftbewußt wie sonst.
»Marianne,« rief sie mit unterdrückter Stimme, die nur schwer das geheime Frohlocken bändigte, »siehst du dort draußen, wie diese schlimmen Tiere von dannen ziehen?«
»Ja, ich sehe,« versetzte die Schwarze an sich haltend, denn es verdroß sie, sich ihrer rasenden Hoffnung nicht länger hingeben zu können.
»Das haben die Unsrigen vollbracht. Oh, jetzt wird hier alles wieder aufwachen, alles besser werden. In wenigen Stunden müssen unsere Truppen hier sein. Mir ist es immerfort, wie wenn ich sie schon singen hörte.«
Da zuckte Marianne widerwillig die Achseln.
»Was sollen jetzt diese Übertreibungen?« widersprach sie mit der ihr eigenen aufreizenden Lässigkeit, und die Absicht, den Jubel ihrer älteren Schwester zu stören, trat feindlich zutage. »Vorläufig hört man doch nur das Gestampfe und Getrappel der anderen. Was verstehen wir überhaupt von solchen Dingen?«