»Und Sie vermuten, es werden nur wenige aus den Wasserläufen entwischen?«
Jetzt brach dem Rittmeister der Schweiß aus. Er wurde erdfahl und vermochte seine herunterfallende, wie im Krampf bebende Kinnlade nicht mehr zu bändigen.
»Verwünscht,« röchelte er, schlug mit den Armen in die Luft und wankte haltlos bis zur Tür, »Sie foltern mich! Was habe ich Ihnen getan? Hören Sie nicht? Hören Sie es nicht? Da ist es wieder, das ungeheure Gurgeln, Schnaufen und Schmatzen, das mich wahnsinnig macht.«
Er fiel auf der Treppe nieder und rollte wie ein schweres Bündel die Stufen herab. Johanna hörte noch einen schrillen Angstschrei, und als sie ans Fenster eilte, gewahrte sie, wie der Kranke in einer letzten Anspannung und mit vorgestreckten Händen über den Hof taumelte. Unsichtbare Geißeln schienen auf seinen Rücken zu klatschen. Der Sturm schmiß ihn hierhin und dorthin, und wie ein grauer Schemen verschwamm das unselige Menschenbild in den wirbelnden Staubwolken der Landstraße.
Das weiße Haus aber sollte noch einen anderen seiner Bewohner hergeben.
Draußen auf den Wegen und Stegen fing es an, lebendig zu werden. Zuerst waren es nur kleine Kosakentrupps, die in einem rasenden Galopp über die Straße fegten. Die Nachmittagssonne brannte ihnen auf den Rücken, und es schien, als ob die toll gewordenen Tiere ihren eigenen Schatten fressen wollten. Mit tief herabhängendem Halse stäubten sie ihrem vorausfliehenden schwarzen Abbild nach.
Doch es blieb nicht bei den wenigen. Bald erbebte der Boden unter dem Gedröhn zusammengeballter Reitermassen. In einer finsteren Gier, fluchend und tobend, heulten sie vorüber, und nur der Wille, gewaltige Strecken zwischen sich und irgend etwas Folgendem zu legen, hielt diese Horden noch zusammen. Voll frohlockenden Entsetzens erkannte Johanna, die jene fessellose Jagd, weit aus einer der Bodenluken gelehnt, verfolgte, wie diese zusammengeduckten Reiter Lanzen und Karabiner von sich schleuderten, so oft sie meinten, einen Vorsprung vor ihren sich stauenden Vordermännern erreichen zu können. Menschen und Tierleiber waren von einer dicken schlammigen Kruste bedeckt, und manche der Verfolgten umklammerten noch immer in vollkommener Bewußtlosigkeit dicke Büschel ausgerissenen Seegrases, als gelte es, vor allen Dingen diesen letzten Schutz nicht aus den Fingern zu lassen. Bleich, blutend, gespensterhaft raste alles vorüber. Die Beobachterin jedoch preßte ihre Hände gegen die kreisrunde Einfassung ihres Ausguckloches, als müsse sie die Mauern auseinanderbrechen, um das Bild noch weiter, gesättigter in sich aufnehmen zu können.
»So peitscht Fürst Fergussow seinen müden, zusammenbrechenden Schimmel vielleicht auch über eine unserer Chausseen,« schoß es ihr dann durch die vom Schauen aufgewühlten Sinne, »blutend, zerfetzt, jeder Männerwürde beraubt, genau so wie die Geschlagenen, Gedemütigten, die dort in den dampfenden Staubwolken, umheult und zerzaust vom Winde, ihr nacktes Leben zu retten trachten.«
Und ihre Seele erlabte sich an der Vorstellung, wie der glatte glänzende Kavalier, der ihr die Schande ins Haus getragen, sein Ende vielleicht in einem Kothaufen gefunden, nachdem der peinlich Saubere vorher alle Qualen des Ekels vor dem Schmutz seines Grabes durchkostet. Aber nein, nein, wenn sie ganz wahrhaft gegen sich selbst verfuhr, dann drängte sich noch ein anderes Bild, ein heißerer Wunsch vor den lodernden Brand ihrer Rache. Er durfte ja noch gar nicht verkommen und verdorben sein, solche geschmeidigen Naturen wie dieser im Innern verpestete Aristokrat, sie fanden gewiß tausend Mittel, um dem auf sie lauernden schimpflichen Verlöschen zu entweichen. Welch ein Glück, welch eine rasende Wonne, wenn der zu Boden Geschlagene und alles Hochmutes Entkleidete noch einmal gleich einem schuldbewußten Dieb oder Bettler vor sie hintreten müßte! Ja, darauf lauerte sie. Diese Erwartung trug Möglichkeit auf Möglichkeit in ihre Gedanken, bis die Landtochter nicht einen Moment mehr daran zweifelte, ihr würde diese erlösende Vergeltung von dem Schicksal, das jetzt über Staaten und Völker rollte, beschieden sein.