Doch das Holz blieb verschlossen. Ah richtig, sie hatte sich ja selbst in kühler Berechnung eine Mauer gegen jedes weichliche Mitleid errichtet. Und mit einem schmerzlichen Stöhnen sank die Hausherrin auf den nächsten Stuhl, faltete matt die Hände in ihrem Schoß, und zwischen Fieber und Erschlaffung hörte sie, wie die Zeit mit verhängtem Zügel weiter raste.


Zu derselben Frist, da die Älteste von Maritzken ihre unstete Sehnsucht nach den ihrem Schutz anvertrauten Mädchen ausschickte, da kletterte die eine von ihnen, Marianne, mitten auf dem Marktplatz der Stadt, verstohlen und wie im Traum, aus dem Planwagen der Verwundeten herab. Niemand hinderte sie, keiner hätte sie eine Minute später in dem wütenden Lärm, in dem Schreien und Toben, das ringsherum wirbelte, zu unterscheiden vermocht. Eine dicke Finsternis lagerte über dem früher so ordnungerfüllten Gemeinwesen. Keine Gasflamme warf ihren Schimmer auf die Bürgersteige. Seit einer Stunde versagten aus einem geheimnisvollen Grunde die Zuflußrohre der Leitungen. Statt dessen hörte man in kurzen Abständen aus der fernen Anstalt dumpfe, knatternde Explosionen in die Höhe knallen. Und doch gab es hie und da eine Art trauriger Beleuchtung. Einzelne Häuser der Vorstädte oder der weniger betretenen Seitengassen hatten Feuer gefangen, überall in der Luft wehte ein beizender Dunst von Petroleum und Benzin, und der Verdacht lag nicht fern, plünderungssüchtige Banden, die in dieser allgemeinen Auflösung weniger denn je den Namen von Soldaten verdienten, hätten die gefährlichen Flüssigkeiten selbst über die kleinen ehrbaren, schiefwinkligen Häuserchen gegossen.

Aus dem unentwirrbaren Knäuel der Bagagewagen schlich sich Marianne zur Seite. Hindurch durch Geschützbespannungen, durch schreiende und brüllende Haufen, die sich aus versprengten Trümmern wieder in ordnungsmäßige Kompagnien und Regimenter zu schichten suchten. Zwischen den wilden Schreien der Verwundeten wand sie sich dahin, die unbekümmert und in Hast mitten auf die Pflastersteine des Marktes ausgeladen wurden. Vorbei an scheuenden Pferden und hilflos am Boden kauernden Trupps, die sich niedergeworfen hatten und den Gehorsam zu verweigern schienen. Durch die Zertrümmerung und das Auseinanderbrechen einer zurückflutenden Armee, die noch einmal dazu zusammengerafft werden sollte, eine letzte Stellung zu verteidigen. Durch das Grauenvolle der in allen Rädern zerschmetterten Maschine, die nur noch sinnlos kreischte, rasselte und surrte. Und wie schwarz und ameisenhaft es sich um die Davonwankende herumdrängte, welche lasterhaften Flüche, welche rohen Beschimpfungen in einer fremden Sprache gegen sie brandeten, das Mädchen in den zerfetzten und blutbesudelten Kleidern besaß nicht mehr das geringste Verständnis für ihre Umgebung. Schlürfend tastete sie sich vorwärts, mit der Rechten kraftlos an den Mauern der dunklen Seitenstraße entlang gleitend. Was sie dort suchte, wußte sie nicht mehr. Sie wollte nur gehen und gehen und wandern, nachdem sie vorher schmachvolle Stunden, jeder Bewegung beraubt, auf dem faulenden Stroh des Planwagens verbracht. Das war gar kein Mensch mehr, sondern ein Wesen, das sich gedankenlos fortbewegte und nur noch eine stumpfe Freude darüber empfand, weil ihre verschnürten und gefesselten Glieder sich trotzalledem dehnten und regten. Zu anderen Zeiten hätte ein Vorübergehender stehen bleiben können, um der Bettlerin ein Almosen in die Hand zu drücken. So rasch, so von Grund aus, so irrsinnig hatte der Krieg, der der Umsturz alles Bestehenden ist, ein blitzendes Leben ausgelöscht und in den Kot geschleudert. Und gleich ihr Tausende, Abertausende, die noch atmeten und gar nicht begriffen, daß sie schon begraben waren.

Aber jetzt in der pechfinsteren und menschenverlassenen Gasse, da schlugen Stimmen an das Ohr der Gleichgültigen, von denen getroffen sie ihr müdes Weitertasten unterbrach, um in fernem Besinnen durch Dunst und Nacht zu horchen.

»Sehen Sie sich noch einmal nach ihm um, lieber Bienchen,« klang es wohllautend und doch zugleich von einer anheimelnden Güte durchdrungen, »ich werde hier auf Sie warten. Aber dann – dann muß es sein. Länger dürfen wir es nicht mehr aufschieben, sonst könnten unsere ganzen Sorgen und Bemühungen vergeblich gewesen sein. Und das wollen Sie doch nicht?«

»Nu nein, ich will es nicht,« ertönte bekümmert und kleinmütig eine kratzbürstige Reibeisenstimme dagegen. »Wie darf ich Sie allein lassen bei dem Schauderhaften? Ich leb' sowieso nicht mehr. Wahrhaftig, ich stell' mir immer vor, daß ich mich nur noch auf Kredit, auf Borg hier unten befind'. Nun also, ich werd' durch den Keller gehen und mich nach ihm umsehen. Sie werden sich ganz ruhig verhalten und hier warten. Aber bei meinem Leben, 's ist schrecklich solch ein Geschäft.«

Während der letzten Worte wurde an einer unsichtbaren Tür geschlossen, und dann verloren sich hinunterschlürfende Tritte in einem Erdgeschoß.

Gleich darauf war alles still wie zuvor. Doch nein, hinter dem Häuservorsprung, den man kaum noch unterscheiden konnte, stahl sich eine Melodie hervor. Der Zurückgebliebene vertrieb sich die Zeit durch ein klangreiches Summen, und die feinen Schwingungen wie das zarte Taktgefühl bekundeten deutlich den geübten Musiker.

Um Gottes willen, das konnte doch nicht – –?