Und so abgerissen die Noten sich auch dem verschleppten Mädchen einprägten, sie erweckten ihr doch das Bewußtsein, daß sie nicht immer als eine Entwürdigte und Verstoßene durch die Gassen geirrt sei. Langsam wachte sie auf, und eine matte Gier nach Ruhe und Schlaf und Vergessenheit überfiel sie. Mit einem unsicheren Schritt trat sie näher, streckte den Arm aus und fuhr zurück, als sie in der Dunkelheit ihre Finger auf dem Stoff einer groben Arbeitsjacke spürte.

»Ich weiß nicht, – Fritz – Fritz Harder, bist du es?« wollte es sich ihr in einer heiseren, ihr selbst schreckhaften Sprache entringen, da wurde mit einem festen Griff nach ihrem Arm gefaßt und dadurch jede weitere Anrede im Keim erstickt.

»Keinen Namen,« forderte eine Stimme, die allen Widerspruch ausschloß und die dennoch das vor Erschöpfung strauchelnde Weib mit ihrer bekannten ehrlichen Wärme ins Leben zurückrief. »Aber du, Marianne, – Sie – wie kommen Sie hierher?«

Der Angeredeten gebrach es an Atem, sie schwankte und lehnte sich fest gegen den angebotenen Arm.

»Sie haben mich verschleppt,« stöhnte sie, und zum erstenmal in ihrem anspruchsvollen und verwöhnten Dasein stürzten der Zerschmetterten Tränen der Verzweiflung über die Wangen.

»Ist Ihnen etwas geschehen?« forschte durch die Dunkelheit hindurch dieselbe gütige Stimme.

Keine Antwort.

»Ist Ihnen etwas geschehen?«

Da schüttelte die Schluchzende langsam das Haupt. Ein erster Anfang regte sich in ihr, ein Haschen, ein Besinnen, wie man aus den zerbrochenen Scherben vielleicht doch wieder die alte leuchtende Pracht aufrichten könne. Man brauchte ja nur die Kraft zu besitzen, das taumelnde Erlebnis fest in sich zu verschließen, ihm keine Ausgänge zu gewähren und dem Tag und der Nacht mit unverändert stolzen Augen ins Antlitz zu schauen. Und war es nicht ein beredter Zufall, daß sich ihr sofort eine dienende Hand entgegenstreckte, die gewiß keinen höheren Ehrgeiz kannte als sie zu stützen? Noch blitzten solche Erwägungen unbestimmt und verwirrend durch das zerhämmerte Hirn, und doch sprach sie schon etwas gefaßter:

»Ich muß mich setzen können, Fritz. Du mußt mich in dein Zimmer führen und – und bei mir bleiben.«