Auf der anderen Seite blieb es eine Weile still. Deutlich merkte Marianne, wie neben ihr in der Finsternis ein heftiges Ringen um Ruhe und Gelassenheit anhob. Dann aber entgegnete ihr unsichtbarer Gefährte mit derselben Entschiedenheit, durch die das Mädchen schon zu Anfang in Erstaunen gesetzt war:

»Marianne, ich kann Sie nicht begleiten. Das Haus ist von russischen Offizieren belegt, und nur den Keller haben sie dem Uhrmacher Adameit, meinem ehemaligen Hauswirt, übrig gelassen. Dort unten liegt er nun gelähmt, vom Schlage getroffen, zwischen Leben und Sterben. Sie tun gewiß ein gutes Werk, wenn Sie zu dem Hilflosen hinabsteigen. Auch wird in dem dumpfen Raum kein Mensch eine Dame, wie Sie, vermuten.«

»Eine Dame?«

Die Zurückgewiesene erschrak, als sie die jetzt so wenig zutreffende Bezeichnung auffing. Auch schwindelte ihr vor der Erkenntnis, wie ihr in ihrem Unglück selbst der letzte so sicher errechnete Beistand entglitt. Und dann – ein feuchter Keller sollte das Prunkgemach bilden, das ihr Schutz bot? Und ein gelähmter Handwerker ihr zur Gesellschaft dienen? Oh, es schwirrte durch die zerrissenen Sinne. Jedes Gefühl für Würde und Stolz entwich der Gedemütigten, und ohne zu ahnen, welche Wirkung sie hervorbrachte, verlegte sie sich aufs Schmeicheln.

»Fritz, so kannst du mich nicht behandeln – denk doch nur, du darfst mich nicht verlassen. Hast du mich wirklich ganz vergessen?«

Sanft versuchte sie seine Wange zu streicheln, allein mitten auf dem Wege wurde ihre feuchte kalte Hand von neuem festgehalten.

»Ja, Marianne,« beharrte der junge Offizier, der plötzlich so markig und schwungvoll sprach, wie sie es noch nie von ihm gehört, »es ist eine Aufgabe auf mich gelegt worden, vor deren Ernst und Wichtigkeit alles andere zurücktritt. Dem Himmel sei Dank, daß es einen solchen Ruf gibt. Tausende hören ihn jetzt und begreifen gar nicht mehr, daß sie noch vor kurzem eigene Wünsche hegten. So geht es auch mir. Ich grolle dir nicht und zürne dir nicht, ja ich danke dir dafür, weil du mich so frei und ungebunden für meine einzige Liebe und meine große Sehnsucht werden ließest.«

»Wer ist das?«, flüsterte Marianne verletzt und beleidigt.

Da lachte der Offizier im Arbeiterwams.

»Das ist der Boden, auf dem du stehst, die Sprache, die du redest und das Volk, das dich geboren. Du wirst erst wahrhaft leben, wenn du dich zu dem allen zählen kannst. Und du stirbst, sobald dies Höchste an dir vorübergeht.« Er brach ab, trat hinter den Mauervorsprung zurück und sagte ganz ruhig und überlegt: »Hier kommt Herr Leiser Bienchen herauf, er wird die Kellertür für dich offen lassen. Leb wohl, Marianne, an mich ergeht der Ruf. Wir ziehen geradeswegs in Glück und Verklärung hinein, nicht wahr, Herr Bienchen?«