Schaudernd sitzt die in den Keller Hinabgeirrte, ihrer selbst ungewiß, wie ein fremdes seelenloses Wesen, neben der hölzernen Pritsche, auf die man den alten Handwerker gelagert hat. Voll stummen Grauens trinkt sie die ihr unverständlichen Reden ein, die der von einer irren Spannung gefolterte Greis von Zeit zu Zeit ausstößt. Bald ringt er die Hände, bald hebt er lauschend das Ohr, als müsse und könne er sich nicht von dieser Erde trennen, bevor er den ersehnten Laut von oben erhascht.
»Dreißig Jahre daran gearbeitet,« hört sie es aus dem zahnlosen Munde hervorzischen, »und nun nicht wissen – nun nicht wissen, ob es von Unheil oder von Segen sein wird. Und in fremden Händen, die nichts davon verstehen, die nicht fühlen, wie man jede Schraube aus seiner Seele hervorgeholt hat. Und die den Zweck nicht ahnen, den letzten Zweck. Hören Sie nicht etwas, Kind? Hören Sie noch immer nichts?«
Aber dann geschieht etwas.
Der Nachthimmel stürzt ein, die Häuser beginnen zu beben und zu tanzen, ein Donnerschlag wühlt und kracht und rollt, jedem Lebenden ein erschütterndes Wunder, die Zeit hält an, die Luft preßt sich zusammen, eine zerschmetterte Menschheit stößt ihren letzten Schrei aus, – und dann schleicht Stille heran, gähnende Lautlosigkeit, die die Schläfen der zitternden Kreaturen in beide Hände nimmt und jedes Begreifen erdrückt.
Ein paar schreckensstarre Augen richten sich in dem Keller, der nur durch ein tröpfelndes Talglicht erhellt wird, auf den abgezehrten, zahnlosen Mann. Der zieht langsam die Lider über die glitzernden Sterne, lächelt und sinkt von seinem Tagewerk zurück.
Seine Uhr hat ihre große Stunde geschlagen.
VI.
Silberne Lichter sprangen über die feuchten Schollen des schlafenden Landes. Kein Geräusch störte die weiche, dunkle Versunkenheit, und nur die bleichen Schilfwände zu beiden Seiten des Flusses neigten sich manchmal wispernd gegeneinander, wenn der lange, geisterhaft gleitende Kahn ein paar stärkere Wellen gegen das Binsengestrüpp drängte.
Ruhig, gleichmäßig schritt der russische Schiffer die beiden Laufbretter seines Fahrzeugs ab. Die mächtige Stange, deren Widerhaken im Bett des Stromes festhaftete, hatte er gegen die Schulter gestemmt, und nun bewegte er sein Schiff mit unverminderter Kraft durch die Windungen der leuchtenden Fahrstraße. Einförmig klappten seine Tritte auf dem trockenen Holz, und nur ein regsames Plätschern antwortete jeder vermehrten Anstrengung. Ein kleiner weißer Spitz begleitete auf dem gegenüberliegenden Brett treulich den Weg seines Herrn. Dieweil wurde am Achterende des Kahnes von einem kurz geschürzten und dick in bunte Tücher vermummten Weiblein das ungefüge Steuer hin- und hergeschoben. Dies war die Frau des Schiffers. Aber aus den Lappen, hinter denen sich ihr Gesicht verkrochen hatte, konnte man bei dem unsicheren Mondenlicht nur eine breite Knollennase entdecken, und man hörte nichts von ihr als kurze abgerissene Gesangsstrophen und dazwischen ein unaufhörliches kicherndes Geplapper. Nur schade, daß der Schifferknecht, der auf ihre Weisung mit ihr zusammen das schwere Holz drehte, sicher nicht das Geringste von dieser sprudelnden Unterhaltung verstand. Auch schien der Mann in der zerdrückten blauen Flauschjacke sein Gewerbe durchaus nicht mit Meisterschaft auszuüben. Denn die Frau in den vielen Tüchern lachte jedesmal belustigt, so oft sich ihr Genosse mit aller Kraft gegen das knarrende Holz stemmte. Es blieb auch seltsam, daß sich ihr dabei niemals ein Tadel entrang, ja, sie fand es offenbar ganz in der Ordnung, sobald der schlanke Gehilfe sich abwandte, um angestrengt auf die hinter dem Ufer sich hinziehende Landstraße zu spähen.