Wahrlich, dort drüben auf dem grauen dampfenden Wege gab es seit ein paar Stunden aufregende und schreckhafte Dinge zu sehen. Zuerst war von dort nur der Hufschlag vereinzelter Reiter aufgeklungen. Gleich schwarzen Schattenbildern sausten sie dahin, weiße Staubwolken sprühten um sie her. Ein höllisches Bild. Dann rollte und rasselte es, Geschützzüge flogen unter den finster starrenden Chausseepappeln, aufgewühlte Menschenhaufen brodelten hinterher, und schließlich wurde ein einziger schwarzer Wurm daraus, der knurrend und klirrend seines Weges kroch.
Nur das Weib lehnte sich über den Querbaum und wies mit der Hand auf die sich krümmende Schlange. Auch jetzt noch stieß sie ihr kurzes, fettes Lachen aus. In ihrem harmlosen, in tiefer Unbildung versunkenen Gemüt regte sich nicht die leiseste Ahnung, wie durch den schwarzen Wurm dort drüben Glück, Ruhe und Wohlstand auf Jahre hinaus niedergewälzt wurden.
Und doch – unangefochten schwamm der Kahn zwischen den hohen Binsen stromabwärts.
In der engen Kajüte, die durch einen roten Fetzen in Schlaf- und Küchenraum geteilt war, stand inzwischen ein junges Mädchen vor dem windschiefen eisernen Herd. Über ihrem Haupt schaukelte sich an einem Draht ein winziges rauchendes Öllämpchen, und bei seinem dunstigen Schein beschäftigte sich das junge Geschöpf eifrig damit, aus einem Topf voll stark duftenden Tees die goldgelbe Flüssigkeit in eine bunt bemalte Tasse zu gießen. Dann zog sie sich aufatmend eine weiße, mit blauen und roten Sternen bestickte Flanelljacke zurecht, strich glättend über ihren kurzen roten Wollrock und klapperte endlich auf schweren Holzschuhen die steile Treppe in die Höhe. Sorgsam hielt sie dabei die Hand über die Tasse, damit die kühle Nachtluft nichts von der Wärme des Getränkes raube.
»Hier,« sagte sie über ihr eigenes Werk befriedigt, indem sie an den Schifferknecht in der blauen Jacke herantrat, »hier bringe ich Ihnen etwas Feines, lieber Freund. Denken Sie, ich habe sogar Rum gefunden. Natürlich so gut wie im »Goldenen Becher« wird er nicht schmecken. Aber nun trinken Sie. Nicht wahr, bei dieser scharfen Luft werden Sie meine Kochkunst nicht verachten?«
Durch die helle Stimme wurde der Konsul unvermutet seinen Beobachtungen entrissen. Überrascht wandte er sich herum und, wie stets, so glitt auch jetzt wieder ein erstauntes Lächeln um seine Lippen, als er die weiße Flanelljacke und das kurze rote Röckchen gewahrte. Wie eigenartig blieb das doch, drüben hinter den weißen Staubwolken, in denen das Mondlicht dampfte, da wallte Weltgeschehen vorüber, das sicherlich auch sein Schicksal einschloß. Und doch war es möglich, daß die schweren Sorgen des Flüchtenden hier durch ein anmutiges Bild auf Augenblicke zerstreut werden konnten. Die weiße Flanelljacke, der bunte Rock, das schwarze Tuch über den roten Haaren und die derben Holzpantoffeln auf den kleinen Füßen, sie redeten keck und lebensvoll mitten in das Stöhnen einer verzweifelten Völkerklage hinein.
Rudolf Bark schüttelte sich, aber bevor er die Tasse aus den Händen der Kleinen empfing, da drängte er erst das Geschirr fast gewaltsam an Isas eigenen Mund.
»Nur ein paar Schlucke, mein Kind,« meinte er gutmütig, »so ist das zwischen uns ausgemacht, und Sie müssen mich auch nicht so sehr verwöhnen.«
»Ja, aber Herr Konsul – –«