Der auf dem Fensterbrett Reitende schien den weiteren Sprung aufgegeben zu haben. Mit einer Gebärde des Widerwillens hob er die Pistole, und zweimal begleiteten draußen grelle Schreie das Aufzucken der beiden roten Feuerfunken.
Johanna reckte sich. Sie taumelte nicht, sie brach nicht zusammen, eine steinerne Figur hätte nicht starrer ragen können wie sie. Ein dicker roter Qualm wallte vor ihren Augen, und durch seine Nebel hindurch sah sie, wie Fürst Dimitri sich zu ihr zurückwandte, um ihr mit seinem alten gewinnenden Lächeln zuzunicken.
Der Gruß rüttelte an ihr wie eine Faust. Gleich darauf schrie Johanna auf. Ihr schnellte es vor den Blicken, als ob der Oberst die Waffe gegen seine eigene Schläfe gerichtet hätte. Noch einmal zischte es, und das letzte, was in die steinerne Bildsäule hineinschlug, war der Nachhall eines dumpfen Falles.
Dann war alles leer, sie stand allein in der Stube.
Dicht vor der weißen Mauer wartete eine Schar deutscher Ulanenoffiziere in respektvollem Schweigen, bis sich die Gutsherrin von der hingestreckten Gestalt abwendete, deren Umrisse man kaum noch unterschied. Dann schüttete einer von ihnen ein Bündel Stroh über den Gefällten. Ernst und schweigsam suchten die Herren die erleuchtete Stube auf, und nur ihr riesenhafter Rittmeister blieb draußen in der Dunkelheit bei seiner Verwandten zurück. Auch zwischen ihnen wollte sich kein Wort einstellen. Unbeweglich, gesenkten Hauptes verweilte Johanna. Übermächtig wühlte in ihr die Vorstellung, ein gräßliches Wahnbild wäre eben für immer zersprungen, und erwachend überfiel sie die Qual, ob sie wirklich in dieses grause Ende verstrickt sei.
Da streckte ihr der Riese von Sorquitten die Hand entgegen. Es war eine Bewegung so voll Treue und Ehrlichkeit, daß das Mädchen aus ihrem Hinbrüten emporfuhr. Zögernd verbarg sie ihre Finger unter ihrer dunklen Schürze.
»Es klebt Blut daran,« sagte sie tonlos.
Aber Herr von Stötteritz ließ sich nicht abschrecken. Seine Rechte suchte und fand die kalten Finger, die sich vor ihm versteckten, und überzeugt und markig, ungekünstelt und mit wuchtiger Gewißheit tönte die kräftige, allen Spuk vertreibende Männerstimme:
»Schadet nicht, Hans. Was von dir kommt, kann nur brav und richtig sein. Mach' dir keine unnötigen Gedanken, Kind.«