Und er nahm ihren Arm und führte die Widerstrebende voller Stolz zu seinen Kameraden in das erleuchtete Zimmer. Die Befriedigung, der nächste Verwandte einer deutschen Frau zu sein, die willensstark und kräftig mitten in dem tödlichen Gebrause standgehalten, strahlte von seinem wettergebräunten Gesicht. Auf dem Tisch standen noch ein paar Flaschen Rotwein. Ohne zu fragen hatten die Offiziere sich eingegossen und harrten nun, die Gläser in der Hand, wie auf Verabredung auf die Dame des Hauses. Aber diese sprach nichts. Ihr Geist verkehrte noch mit dem Schatten, der unsichtbar, lächelnd und schwermütig durch den Raum schwebte. Statt ihrer ergriff der Riese von Sorquitten einen Kelch, schwenkte ihn und sagte kurz und bestimmt:

»Meine Herren, dies war nur der Anfang. Wir haben keine Zeit uns auszuruhen, sondern müssen für das Ende sorgen. Das Feiern kommt später.«

Ein paar Minuten nachher hörte man bereits das Scharren und Trappeln der Ulanenpferde. Nur Herr von Stötteritz zögerte noch bei seiner Verwandten und ließ seine Hand noch immer wuchtig auf ihrer Schulter ruhen.

»Hans,« kam es ein wenig beschämt aus ihm heraus, »ich bin die dummen Gedanken nicht los geworden. Man soll natürlich keine Pläne machen, denn man weiß nicht, wie alles kommen kann. Und uns bleibt noch ein tüchtiges Stück zu tun. Aber weißt Du, Marielle, es wäre mir doch lieb, wenn ich zu dir zurück käme. Man muß eben vertrauen und warten.«

Dabei rüttelte er sie kräftig, drückte ihr klammerfest die Hand und schritt klirrend und ohne sich noch einmal umzuschauen hinaus.

Und die Älteste von Maritzken wartete.

Das ganze Land glaubte und harrte, spann Hoffnungen und richtete sich auf. Was in den Familien und bei den Zurückgebliebenen geschah, das glitt nur wie unwirkliche Schatten unter der glutroten Sonne des Völkerherbstes dahin. Man hörte es, man schüttelte den Kopf und lauschte auf das Sausen des großen Sturmes.

So durfte die Gutsherrin von Maritzken die kleine Isa umarmen und von ihr das Wunder erfahren, daß der Rotkopf in den »Goldenen Becher« drinnen in der befreiten Stadt einziehen würde. Und Johanna lächelte und schüttelte das Haupt. Sie hörte auch von den Bühnenstudien flüstern und raunen, die ihre Schwester Marianne mitten in Not und Gewühl in der fernen Hauptstadt betreiben sollte. Und wieder lächelte sie matt, und um ihren Mund spielte der alte herbe und verurteilende Zug.

Knechte und Mägde wurden angeworben, das Anwesen erstand unter ihrer Führung aus Schutt und Vernachlässigung, die Wintersaat wurde versenkt, und ein neuer Frühling sproßte empor.

Längst sind die Mauern des Gehöftes geweißt und gestrichen, und nur der Blutfleck unter dem Fenster leuchtet noch mahnend und klagend über den Hof. Und wenn die Gutsherrin im Abendschein auf der Bank vor der grünen Wiese rastet, dann streift ihr Auge manchmal über den kaum merklichen Erdbuckel, der schmucklos und ohne Kennzeichen ein Grab überwölbt. Aber in ihren weißen Zügen regt sich nichts mehr. Sie fühlt gleich all den Tausenden und Millionen ihrer Landsleute, daß jeder Deutsche allein und auf sich gestellt in der Welt steht. Kein schwächliches und bewunderndes über-die-Grenze-Spähen gibt es mehr. Der Deutsche wird den Nachbarn von rechts und links wohl ohne Haß und Groll die Hand hinstrecken, wird mit ihnen aufwärts wandern und handeln und tauschen, aber das Tiefste, das Herz an Herzen bindet, das höchste Gefühl der Glückseligkeit, daß er nicht gänzlich vereinsamt im Wirbel des Geschehens treibe, das findet er nur bei dem deutschen Bruder.