Da ging ein beifälliger Zug über das ernste Antlitz des Landmannes.

»Das ist gut,« stellte er fest. »Konsul Bark versteht seine Sache. Er hat auch mit dem alten Trakehner Hengst bei uns recht behalten. Das Tier arbeitet drei junge Pferde in Grund und Boden.« Und während sich der Beamte schon zum Abgang wandte, fragte er noch einmal ehrerbietig: »Und zu wann befehlen das Fräulein den Wagen?«

Eine schwere Falte grub sich dabei mitten über die Stirn des Mannes. Allein Johanna verstand ihn.

»Nein, nein, Baumgartner,« beruhigte sie. »Sie brauchen sich gar nicht stören zu lassen, Herr Konsul Bark holt uns in seiner eigenen Equipage ab, obwohl uns unser Weg ja ohnehin durch die Stadt führen würde. Sie können Ihre Pferde ruhig bei der Arbeit behalten.«

»Oh, danke schön, gnädiges Fräulein, das ist gut. Herr Konsul Bark weiß, was sich gehört. Ich freue mich immer, wenn er auf das Gut kommt. Nun vorwärts, Tilli.«

Er gab seiner kleinen Tochter einen Wink, das Kind knixte und beide schritten rasch bis zum Hoftor. Jedoch sie sollten nicht hinausgelangen. Von der Chaussee her erhob sich ein scharfes Rollen, Peitschenklang schwirrte durch die Luft, und gleich darauf sah die Gutsherrin, wie ihr Verwalter ein Paar mächtigen Rappenhäuptern beruhigend über die schäumigen Nüstern klopfte.

Bei Gott, dies Gespann kannte Johannas geübter Blick. Ja sogar den harten, sausenden Peitschenklang unterschied sie vor allen anderen. So dröhnend und unbekümmert raste nur der Riese dort drüben von Sorquitten über die Landstraße. Und richtig, noch hatte sie die Ziegelschwelle unter der viereckigen Einfahrt nicht verlassen, da schob sich auch bereits eine mächtige Männerfigur in einem gelben Sportanzug durch die Toröffnung, und ein grünes Tirolerhütchen mit einer alten verbogenen Hahnenfeder wurde aus Leibeskräften in der Luft geschwenkt.

»Morjen, morjen, Johanna, alte Seele,« wetterte das markige Organ des Vetters Fedor von Stötteritz, und dabei stampfte der ungeheuerliche Eindringling bald rechts, bald links mit den braunen Schnürstiefeln, aus denen sich ein paar unförmige Waden herausdrängten, schallend auf den Steinen des Hofes herum. »Laß mal eiligst so einen kleinen Tritt herausbringen, liebste Cousine, meine alte Dame will sich nämlich wieder nicht meinen Armen anvertrauen. Sie behauptet, ich zerbräche ihr immer ein paar Knochen im Leibe. Also fix, Johanna,« und er führte die beiden Mittelfinger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff erschallen. »Vorwärts, wo bleiben die Faulpelze? Meine Frau Mama kann ja bekanntlich nicht warten.«

Jetzt wurde es auf dem Hofe lebendig. Eine Magd mit einem Tritt lief hochaufgeschürzt hinzu, und nachdem auch Johanna bis an den Wagenschlag geeilt war, da entschloß sich die lang aufragende, hagere Insassin des Gefährtes endlich, die Expedition auf den sicheren Erdboden zu unternehmen. Mit einem Krückstock indessen tastete sie erst vorsichtig die Unebenheiten des Terrains ab. Kurzatmig stand sie dann neben ihrem Sohn, um ihrem blauroten und doch pergamentartig mageren Antlitz ein wenig kühlende Luft zuzufächeln.

»Es ist nichts mit solchen Ausfahrten,« stellte Frau von Stötteritz grämlich fest, wobei sie der Hausherrin steif ihre Rechte zum Handkuß darbot. »Guten Tag, liebes Kind. Ich wollte dich gewiß nicht belästigen – nein, nein, schon gut, wer soll sich denn über eine so alte anspruchsvolle Frau im Ernst freuen? – aber mein dummer Junge läßt mir ja keine Ruhe. Es sollte durchaus ein Besuch bei dir werden. Als ob ich dich in meinem Leben noch nicht gesehen hätte! – Nein, nein, schon gut,« unterbrach die hagere Dame entschieden, als das blonde Mädchen ihr irgend etwas Liebenswürdiges entgegnen wollte. »Lüge nicht erst, mein Töchterchen, du schwärmst ja selbst nicht für Komplimente. Die Hauptsache ist, daß ich möglichst bald eine Fußbank unter mein rechtes Bein erhalte. Du kannst dir gar nicht denken, wie mich das Rheuma wieder plagt. Aber paß auf, es gibt Regenwetter. Unsere Rapsernte wird uns natürlich wieder wegschwimmen.«