»Du, Hans,« schrie der Sohn aufgeräumt dazwischen, der seine Frau Mama mit den flachen Händen so sanft wie möglich vor sich her schob, »mein ganzer Raps an Silberstein da drinnen verkauft. Den verfluchten Juden hab' ich schön hochgenommen. Wenn das in diesem Jahre so weiter geht, dann bau ich auf Sorquitten das neue Herrenhaus, das du neulich vorschlugst. Meine Alte werde ich schon rumkriegen.«

»Es wäre gut, wenn du mir nicht so in die Ohren schriest, Fedor,« tadelte die Vorauftappende, schmerzlich ihren Mund verziehend. »Was ich dieses Brüllen nicht leiden mag – –«

»Na, laß man sein, Mutterchen, ich säusele schon wieder. So, und nun aufgepaßt, hier kommen die Treppen.« Der Besuch wurde in das große Staatszimmer hinaufgeführt, dessen drei Fenster auf den Park hinausgingen. Denn Johanna dachte daran, daß ihre Tante, Frau von Stötteritz, eine unbesiegliche Abneigung hege gegen den Anblick des Wirtschaftshofes sowie gegen die rauhen Geräusche, die sich von dort möglicherweise erheben konnten. In einem alten gelben Seidenfauteuil lehnte die alte Dame an einem der hohen Fensterbogen und zupfte nervös an den seidenen Halbgardinen herum. Währenddes präsentierte die blonde Hausherrin ihrem kritischen Besuch ein in Wein abgezogenes Ei, denn dies war die einzige Aufwartung, welche die kränkliche Dame gnädig aufnahm. Dafür konnte sie von jener Leckerei auch große Mengen vertilgen. Einen Augenblick hörte man nichts, als das Klirren des Löffels, den Frau von Stötteritz in dem Glase herumführte, und dazwischen mischten sich die schallenden Tritte ihres Sohnes, der, die Hände in den Taschen, ruhelos das Zimmer durchmaß. Er entbehrte seine Zigarre, die in der Gegenwart der Mutter nicht geraucht werden durfte.

Endlich hatte die kränkliche Frau die ihr so wohlmundende Leckerei mit Andacht zu sich genommen; das behagliche Schlürfen sowie das Kratzen des Löffels erstarb, und nachdem sich Fedors Mutter umständlich mit ihrem Taschentuch Mund und Hände gereinigt, da richtete sich die hagere Gestalt starr in ihrem Sessel auf, alles Vorboten, daß jetzt etwas Wichtiges erfolgen sollte. Zuerst aber reichte sie mit ihren zitternden Fingern das Glas zurück, um verurteilend zu klagen:

»Wenn einem nichts mehr schmeckt, so ist das ein schlimmes Zeichen. Nein, widersprecht nicht erst, ich bin mir über meinen Zustand ganz im klaren.«

Als aber ihr herkulischer Sohn unbekümmert seinen dröhnenden Spaziergang durch das weite Gemach fortsetzte, da nestelte Frau von Stötteritz aus ihrer schwarzseidenen Handtasche einen mehrfach gefalteten Brief hervor, strich ihn auf ihrem Schoße glatt und tat einen tiefen, halb seufzenden Atemzug.

»Höre, Johanna,« begann sie endlich, indem sie sich den Zeigefinger netzte, wie wenn sie die Seiten des vertrockneten Briefes umzuschlagen gedächte, »bekümmerst du dich eigentlich um politische Vorgänge?«

»Um politische –?«

Johanna stutzte. Und während sie mit entschlossener Bewegung ihr blondes Haupt in den Nacken warf, da nahm sie plötzlich jene abwehrende Stellung ein, die ihrer ganzen Gestalt das Gepräge verlieh.

Mein Gott, wie unangenehm! Gedachten die beiden herrischen Adelsmenschen, die in der ganzen Gegend wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt waren, sie, die emsig Schaffende, nun auch zu ihren Lebensanschauungen zu bekehren? Oh nein, darin täuschten sich die beiden. Sie – das Gutsfräulein von Maritzken bewertete die ihr Nahen und Fernen lediglich nach den Leistungen, durch die Schaffensfreudige und Arbeitskräftige ihr Dasein, ihre Lebenshaltung zu befestigen oder zu steigern vermochten. Ja, das war es, dem praktischen Sinn der großen Blonden war der Erwerb, der anständige und sichere, beinahe etwas moralisch Schönes und Geheiligtes geworden. Und deshalb lehnte sie gewöhnlich mit einer ihrer entschlossenen Gesten alles ab, was sich in ihrem Umkreis in politischen Zänkereien erging. »Wer für sich schafft, schafft auch für das Land,« dachte sie. Und mit diesem Bekenntnis glaubte sie sich genügend mit den Streitigkeiten des Tages abgefunden zu haben.