Die beiden anderen Schwestern lächelten ein bißchen und warfen sich verständnisinnige Blicke zu. Es lag etwas Überlegenes in dieser verhaltenen Heiterkeit, und es schien fast, als ob die Jüngeren einen heimlichen Bund miteinander geschlossen hätten. Die Große jedoch hatte jetzt völlig ihre Geduld verloren. Hochauf reckte sich die kräftige Gestalt, die Hüften spannten sich, als ob es einen Gewaltstreich auszuführen gelte, und im nächsten Augenblick bereits schoß der weißblonde Pole, einem Zug der in feinem Glacéleder steckenden Frauenhand folgend, vom Bock. Jetzt schrien die beiden anderen Mädchen auf. Der rasche Angriff, sowie das Herbeieilen einiger fremder Menschen empörte sie. Die Herrin von Maritzken aber wandte sich nach ihnen um, und in diesem Augenblick zeigte ihr Antlitz wieder jene Marmorblässe, die Konsul Bark, als ein gewählter Frauenkenner, überall so hervorhob.
»Ihr geht in das Gastzimmer,« herrschte die Älteste die Schwestern an, als gäbe es gegen ihren Entscheid keinerlei Widerspruch. »Ich habe es nicht gern, wenn wir hier so in Massen auftreten. Und diesem Bengel möchte ich das Gespann doch nicht unbeaufsichtigt überlassen. Nun dalli, Ihr erwartet mich drin. Ich möchte nachher noch einen Gang machen.«
»Einen Gang?« fragte die brünette Marianne, die zwar erheblich jünger war wie ihre befehlshaberische Schwester, ihr aber dennoch im Alter am nächsten kam. »Einen Gang?« forschte sie mit der matten Lässigkeit ihrer Bewegungen, in denen so viel gefährlicher Reiz wirken konnte, »du willst dich gewiß mit Konsul Bark treffen, nicht wahr, Hans?«
Die Große verzog ein wenig die Stirn, denn das vertrauliche Lächeln des Einverständnisses, das die Jüngeren wieder untereinander tauschten, gefiel ihr nicht. Laut aber ließ sie nur mit ihrer dunklen Stimme fallen:
»Ich treffe mich nicht mit ihm, sondern ich suche ihn in seinem Geschäft auf.«
»Ah,« echoten die anderen.
Und der Rotkopf von ihnen, Isa, ein siebzehnjähriges geschmeidiges Kätzchen, das der mütterlichen Schwester soviel Schwierigkeiten bei der Erziehung bereitete, sie raschelte auffällig mit ihrem rosa Kleid, verzog den Mund und kniff spitzbübisch die großen braunen Augen zu. Die dunkle Marianne aber legte ihren vollen Arm um die schlanke Hüfte der Kleinen und sagte in ihrer müden Art, die gerade wegen ihrer Leidenschaftslosigkeit häufig so sehr zum Zorn zu reizen vermochte:
»Dann wirst du wohl auch nichts dagegen haben, liebster Hans, wenn ich mich drüben in der Konditorei von Klinkowström auf ein paar Minuten mit Fritz Harder treffe. Ich habe es ihm versprochen, denn er ist heute nachmittag dienstfrei.«
Damit faßten sich die beiden jüngeren Grothe-Marjellen entschlossen unter den Arm und schritten langsam und furchtlos dem Ausgang zu. Allein sie gelangten nur bis zu dem kurzen runden Prellstein, vor dem ihr hochragender Wächter sich aufgepflanzt hatte. Es fiel eigentlich kein lautes Wort, kein Verbot wurde ausgesprochen und keine hastige Entgegnung vernommen, und doch – die langjährige Gewohnheit des Sichfügens, wenn es auch ungern und widerwillig geschah, die Furcht vor der zufahrenden Härte und dem aufflammenden Zorn der Großen erstickte all die leichten, flatterhaften Mädchenwünsche im Keim. Ohne daß die Jüngeren recht begriffen, wie es so schnell geschah, hielten sie allerlei Decken und Schirme in den Händen, die ihnen von der großen Blonden energisch übergeben waren, und wie von selbst traten sie mürrisch und bezwungen den Rückzug durch die dunkle Einfahrt an, um noch auf den drei ausgetretenen Steinstufen, die zu dem inneren Flur hinaufleiteten, aufzufangen, wie die ältere Schwester laut und unbekümmert hinter Marianne herrief:
»Es paßt sich nicht, daß du dich jetzt schon mit dem jungen Offizier triffst, so weit halten wir noch nicht. Aber wenn ich zurückkomme, dann werden wir mehr wissen. Und nun benehmt euch dort drinnen nicht zu ausgelassen.«