»Der Platz sieht aus wie ein Mund voller Zahnlücken,« flüsterte Isa sehr treffend ihrer Schwester Marianne zu und wies auf die klaffenden Höhlungen zwischen den einzelnen Gebäuden, hinter denen bereits wieder das kohlstruppige Feld sichtbar wurde.

Das Surren und Sausen der Treibriemen schrillte hier stärker, und die betroffenen Gäste bemerkten, wie aus dem ersten Stockwerk einer Fabrik, die sich augenscheinlich mit der Herstellung von Porzellan befaßte, unausgesetzt eine staubige Mehlmasse herabdampfte. Ohne auf diese Überschüttung zu achten, durch die ihre Kleidung mit schmutzigem Puder bestreut wurde, lungerte mitten auf dem Markt eine Schar langberöckter Männer und Jünglinge herum in hohen Wichsstiefeln und mit niedrigen schwarzen Tuchmützen auf den Köpfen. Aufgeregt und von allerlei Gesten begleitet fuhr hier das Gespräch hin und her. Die jüdischen Einwohner, die man sofort an ihrer lockigen Haartracht erkannte, warfen merkwürdig befremdete Blicke auf das deutsche Gefährt, als wenn die Ankunft desselben ein besonders aufregendes Ereignis bildete. Und wieder beschlich den Mann im weißen Mantel, der anscheinend so heiter plaudernd neben dem russischen Offizier einherwandelte, jenes unerklärliche nagende Mißtrauen.

Und dem unerträglichen Zwange unterliegend, griff er plötzlich unter den Arm seines Begleiters, und indem er alle Zurückhaltung beiseite setzte, richtete er an den munteren Offizier ohne Übergang die sehr ernste und nachdrückliche Frage:

»Leo Konstantinowitsch, verübeln Sie mir meine Neugierde nicht, aber spricht man hier bei Ihnen gleichfalls von einem Zwist, der zwischen unseren Völkern in der nächsten Zeit schon durch Waffengewalt entschieden werden müßte? Sagen Sie mir bitte die Wahrheit, ich fühle mich verantwortlich für meine Damen.«

Wie von einem Schlag getroffen machte der Russe halt, zwinkerte heftig mit den Augen, um gleich darauf kräftig mit dem rechten Arm eine weite kreisrunde Bewegung zu vollführen, als wünsche er die ganze Stadt zum Zeugen seiner Antwort aufzurufen.

»Aber Rudolf Bark, mein einziger Freund,« rief er mit einem ihn erschütternden Lachen, »ist ja nur Geschwätz von verdammten Gazettenschreibern, die in der Hölle ihre Strafe finden werden. Blicken Sie sich doch um, wir verbergen Ihnen nichts. Hier wird überall gearbeitet, Porzellan wird gemacht, Kohle gefördert und Zigaretten und Bonbons fabriziert. Wo sehen Truppenansammlungen? Im Vertrauen, unsere Kasernen stehen halb leer. Und wenn Sie es wissen wollen, ich selbst nehme in einigen Tagen einen mehrwöchentlichen Urlaub, um in Petersburg meine angegriffene Gesundheit etwas aufzufrischen. Sieht so Volk aus, das sich auf Krieg vorbereitet? Und vor allen Dingen, Rudolf Bark, würde ich mir erlaubt haben, Sie und die wunderschönen Damen von Maritzken zur Einweihung von meine kleine maison zu invitieren, wenn Sie sich dabei der geringsten Gefahr aussetzen könnten? Kommen Sie, kommen Sie, wir haben Sprichwort, das lautet: ›Der Säbel schläft‹. Ich hoffe, Sie haben sich überzeugt, bei uns schläft er so tief, daß er ist gar nicht aufzuwecken. Deshalb, mein einziger Freund, verderben Sie uns nicht Laune durch philosophische Untersuchungen. Und hier, Rudolf Bark,« unterbrach er sich in strahlendem Besitzerstolz, indem er gleichzeitig diensteifrig den Schlag aufriß, »hier stehen wir vor kleine maison, und Sie sehen, auf Dach ist aufgezogen russische und deutsche Flagge zugleich.«

Damit wandte er sich, führte zwei Finger der geballten Faust gegen die Lippen und ließ einen Pfiff erschallen, der einer Lokomotive Ehre gemacht haben würde. Auf dieses Zeichen stürzten auch sofort zwei in grüne Halblivreen gekleidete Diener aus dem Hause, denen man ohne große Mühe die für den Hausdienst kommandierten Soldaten anmerkte. Zwischen schlotternden weißen Wollhandschuhen schleppten die wohlfrisierten Männer einen schmalen, nagelneuen Teppichläufer heraus, und auf eine bezeichnende Fußbewegung des Rittmeisters hin bückten sie sich auf den Erdboden, um das Gewebe über die schmutzige schwarze Gosse bis dicht an den Tritt der Equipage auszubreiten.

»Gegrüßt die Freunde des Herrn,« murmelten beide.

›Die kleine maison‹ war eine allerliebste zierliche Villa, unter deren rotem, mehrfach unterbrochenem und abgesetzten Ziegeldach leise Rundungen der Außenwände jenem fast unmerklichen Rokokostil zustrebten, der so anmutig und spielerisch zugleich wirkt. Zwischen zwei schlanken Säulen führten einige Stufen empor, und kaum waren diese überschritten, so befanden sich die deutschen Gäste in einem halbrunden Vestibül, das ganz in matten weißen Farben gehalten war. Nur wunderlich, daß das zarte Schmuckkästchen den Eingang zu einem Junggesellenheim bildete, viel befremdlicher, weil das ganze Haus von der fernen Regierung in Petersburg errichtet sein sollte. Noch waren den Damen von den Dienern ihre seidenen Mäntel kaum abgenommen, und eben standen sie vor einem schmalen, in der Hinterwand einer Nische eingelassenen Spiegel, um ihren Toiletten die letzte Vollendung zu verleihen, als auch schon ihr militärischer Wirt in erneute Bewunderung ausbrach. Wortreich versicherte er, wie die ruhige Eleganz der deutschen Kleider alles überstrahlen müßte, was die Garnisonsdamen dort drinnen in dem Salon an seidenen Fähnchen auf sich vereinigt hätten. Und dann diese unnahbare Würde und Strenge! Zweifellos, man konnte es mit tausend Eiden bekräftigen, jede deutsche Frau eine Fürstin, nein, weit gefehlt, eine Königin, eine Kaiserin. Es sei direkt lächerlich, welch ein tiefer Respekt, ja welch knabenhafte Beschämung selbst den verwegensten Reitersmann in der Nähe solch einer Nemza heimsuche. Als der Rittmeister in diesem Begeisterungstaumel schwelgte, hatte er gerade seinen Platz hinter der abgewandten Marianne gefunden, die ihre wohlgebildete Gestalt selbst mit einem heimlichen Genuß bespiegelte. Und der weiße Nackenausschnitt, der sich aus der stahlblauen Seide ihres Gewandes leuchtend erhob, er zog die Blicke des Hausherrn so stark auf sich, daß alle seine Lobeserhebungen nur noch in wirre Worte ausklangen.

»Köstlich – exquisit – superb!«