Und Johanna, die mit sich selbst beschäftigt war, sah nicht, wie ihre dunkle Schwester, entzückt über den berauschenden Eindruck, den sie hervorrief, dem Spiegelbild ihres Gastgebers mit einem besonders reizenden Lächeln zunickte. Aber der Konsul und Isa bemerkten es, und sie warfen sich einen Blick zu, den nur aufeinander abgestimmte Menschen zusammen austauschen. Es war ganz seltsam, der reife, vielerfahrene Mann, dem die Frauen die gefährlichsten ihrer Künste längst verraten hatten, und das ahnende unreife Mädchen, sie wurden durch ihren scharfen Verstand wie alte Gefährten zusammengeschlossen, die sich auch ohne Worte über die heikelsten Dinge zu verständigen vermögen.
»Sagten Sie etwas, Herr Konsul?« fragte Johanna.
»Nein, lieber Hans.« Er warf dem Rotkopf einen warnenden Blick zu, der sie zum Schweigen verpflichtete. »Kommen wir.«
In dem braun getäfelten Herrenzimmer endigte zu demselben Zeitpunkt, als der Wagen der Deutschen die Vortreppe der Villa erreichte, ein lebhaft schwirrendes Gespräch. Die französische Konversation erstarb wie durch Zauberschlag, und Herren wie Damen zogen sich möglichst unauffällig an die heruntergelassenen Fenstervorhänge heran, um die Aussteigenden gleich unter dem ersten Eindruck richtig abschätzen zu können.
Das war natürlich von höchster Wichtigkeit.
Als auf dem Tritt der weiße Schuh von Isa sichtbar wurde, warfen sich die jüngeren Offiziere unwillkürlich in die Brust und strichen ihre Waffenröcke glatt. Zu einem unverhohlenen Murmeln des Beifalls jedoch steigerte sich das männliche Interesse erst, wie gleich darauf Marianne, kaum auf die dargereichte Hand des Konsuls gestützt, mit einer ihrer lässigen Bewegungen den Wagen verließ. Dies veranlaßte freilich eine sehr untersetzte rundliche Dame, die Gattin des Zivilgouverneurs Bobscheff, die über ihre hervorquellenden Pausbacken kaum noch mit heftig zwinkernden Äuglein herüber zu blinzeln vermochte, ein Urteil zu fällen, von dem sie infolge ihrer bevorzugten Stellung erwarten durfte, daß es dem gesamten Kreis fernerhin als Maßstab zu dienen hätte.
»Gott,« flüsterte sie als eine Art Selbstbekenntnis, indem sie ein mächtiges Schildplattlorgnon vor die halbgeschlossenen Augenritzen führte, »sie sieht aus wie die Tänzerin Litwina Dimitrewna aus Moskau.«
»Ah,« sagte an dem anderen Fenster die junge Frau des Obersten Geschow aus Mariampol, deren feingliedrige Gestalt noch mehr als ihr zigeunerhaft gelber Teint oder die schwimmenden braunen Augen ihre tatarische Abkunft verrieten, »ist das nicht jene Balletteuse, über die ich neulich in der Nowoje Wremja las, daß sie herrliche Brillantbänder um die Fußknöchel zu tragen pflegt?«
»Maria Paulowna,« entgegnete die Zivilgouverneurin mit einem ganz leisen Verweis, denn der Rang der Obristin war von dem ihren nicht wesentlich unterschieden, »ich nehme an, daß Sie vor den Extravaganzen solcher Weiber den gleichen Abscheu hegen wie ich.«