»Gott,« warf Marianne hin, die inmitten so vieler Anbeter die Nähe ihrer Schwestern vergaß, und sie errötete weder, noch gab sie das angenehme Wiegen auf, »ein guter Bekannter von mir, wie viele andere. Was bezwecken Sie übrigens mit der Frage, Herr Rittmeister?« setzte sie gleichgültig hinzu, schlug die Füße leicht übereinander und blies eine feine Dampfwolke von sich.

»Oh,« rief Leo Konstantinowitsch strahlend und mit der ihm angeborenen Begabung für schlaue Galanterie, »das schafft mir die einzige Feindschaft vom Halse, die ich einem deutschen Offizier etwa entgegentragen könnte. Merci, mein Fräulein.«

»Leo Konstantinowitsch ist ein Schlaukopf,« fing Konsul Bark dicht neben sich das geheimnisvolle Raunen zweier Unterleutnants des Dragonerregiments auf, um deren weiche Knabengesichter noch kaum der Flaum zu sprossen begann, »hörst du, Alexei, wie er das schwarze Pferdchen zu einem Gang durch die Villa antreibt? Ich wette, sie wird sich erbitten lassen?«

»Wahrscheinlich,« pflichtete der angeredete Fahnenjunker bei und über sein kränklich blasses Antlitz, das er unausgesetzt dem Schaukelstuhl zugewendet hielt, flog ein frühreifer, übersättigter Schein, »du hast recht, da erhebt sie sich.« Aber gleichzeitig zuckten die Lippen in dem fahlen Gesicht, und unwillig kehrte sich die zarte Jünglingsfigur ab. »Merkwürdig, wie Leo Konstantinowitsch gerade heute Lust und Neigung für so etwas aufzubringen vermag,« stieß er noch ungehalten zwischen den Zähnen hervor.

»Mon Dieu, Alexei, was soll man tun?«

»Ich habe heut vormittag mein Testament aufgesetzt,« erklärte der kränkliche Fahnenjunker ganz still. »Man kann nie wissen. Ich schrieb darin meinem Vater, dem Polizeioberst in Kiew, vieles, was ich bei uns im Hause, aber auch draußen anders wünschte. Er hätte es sonst nie von mir hingenommen, denn wir mußten immer schweigen. Freilich, für ein solches Schriftstück kann man später nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.«

»Ja, du machtest dir immer viele Gedanken, Alexei, anstatt dem Leben, wie wir anderen, ein Paar vergnügte Stunden abzugewinnen. Aber st! – –, lieber Bruder, dort unter dem Fenster spitzt man die Ohren. Komm, laß uns in das Billardzimmer gehen und hören, was Fürst Fergussow aus Petersburg zu erzählen weiß. Die Entscheidung kann ja nicht mehr lange währen.«

Damit strichen die beiden Knaben ihre Waffenröcke zurecht und schlenderten auf den eleganten Lackstiefeln fast unhörbar in den Nebenraum.

Also doch – also doch!

Der Konsul fühlte, wie ihm etwas durch die Stirn schnitt. Es war, wie wenn man einen klirrenden Pfeil durch sein Gehirn geschossen hätte. Eine Sekunde lang konnte er sich durchaus nicht mit der Lage vertraut machen, in der er sich befand. Auch dafür, daß draußen die Welt und alles, was bisher als feststehend galt, binnen kurzem wie ein mürber Teig in einer Riesenschüssel von Gigantenfäusten durcheinander gerührt werden konnte, auch dafür fehlte ihm plötzlich jede Vorstellung. So lähmend war die Mattigkeit, die seine sonst so geschmeidigen Glieder befiel, daß er immer noch mit demselben vieldeutigen Lächeln den Fragen Maria Geschowas lauschen konnte, die zu ihrer Freude in ihm einen Kenner des Theaters entdeckt hatte.