»Also Sie kennen die kleine Schwarz?« sagte die Tatarin und schlug die dunklen Augen, die nie ihren auffordernden Ausdruck verloren, langsam gegen ihn empor. »Ich sah sie neulich in einem Ihrer modernen Stücke spielen. Ich vermag die Zustände bei Ihnen natürlich nicht zu beurteilen, aber in der Darstellung der schönen Person fiel mir die Wichtigkeit auf, die sie ihrer Bedeutung als Frau, ja darüber hinaus der ganzen weiblichen Liebeshuld beizumessen schien. Ich glaube, das alles wird in Ihrem Vaterland sehr überschätzt.«
»Oh,« entgegnete der Konsul gewohnheitsmäßig, obwohl er sich mit aller Kraft an dem Messingknopf des Fensters festhalten mußte, »es gibt doch einzelne Frauen, denen gegenüber die Schätzung nie hoch genug gegriffen werden kann.«
Es sollte einschmeichelnd klingen, aber Maria Geschowa mit ihrem feinen Ohr hörte deutlich heraus, wie weit der Geist des hübschen Mannes von ihr entfernt weilte.
»Lassen wir das,« sagte sie hochmütig und wiegte sich ablehnend in den Hüften, »wir Slawen beschäftigen uns in der Kunst mehr mit sozialen Verhältnissen. Diese Dinge erfüllen unsere ganze Phantasie. Aber was haben Sie, lieber Freund?« unterbrach sie sich eifrig, denn sie sah, wie der Kaufmann starr auf die Straße hinausblickte, wo drei Soldaten in Kosakentracht singend und brüllend vorüberliefen.
Jetzt vermochte der Konsul nicht mehr das nervöse Zucken der Mundwinkel noch den kurzen Atem, der ihm durch den Schrecken eingegeben war, zu verbergen. Da draußen die drei langröckigen, halbbarbarischen Gesellen, die unter ihren Pelzmützen dahintaumelten, wie kamen sie hierher? Er wußte doch, daß in der Grenzstadt kein Kosakenregiment lag. Und diese hier – er glaubte es an den sauberen Uniformen und den blitzenden Silberverschnürungen zu erkennen – sie gehörten sicher der Petersburger Garde an. Immer ängstlicher und aufgescheuchter tobten seine Gedanken gegeneinander. Die Selbstbeherrschung und feste Sammlung, die trotz seiner leichten Manieren sein ganzes Wesen ausmachten, stoben in diesem Augenblick, wo er das Rollen eines Völkergewitters schon über seinem Haupte poltern hörte, von ihm ab. Obwohl der Herr des Goldenen Bechers genau wußte, daß es töricht sei, die Maske des Vertrauens und der sicheren Überlegenheit gerade vor der klugen Tatarin, neben der er weilte, zu lüften, die Spannung, die in ihm zerrte, zerriß jedes Bedenken. Nein, er mußte hören, wie eine Vollblutrussin den schweren Verdacht, der ihn überwältigte, entkräften würde. Was diese reizende Person jetzt wohl zusammenlügen wird? dachte er halb neugierig.
Und da sprach sie bereits. Sie legte ihm die Spitze des Zeigefingers fest auf die Brust und fragte mit ihrer warmen, immer leise vibrierenden Stimme:
»Wie heißen Sie, lieber Freund?«
»Ich? – Ich heiße Rudolf Bark.«
»Nun, Rudolf Bark,« lächelte die Tatarin, indem sie sich geschmeidig mit dem Rücken gegen das Fenster schob, so daß er jetzt gezwungen in ihr dunkles Antlitz blicken mußte, »sind Ihnen die drei Kosaken dort auf der Straße wirklich interessanter, als ich, die ich mir doch soviel Mühe gebe, Ihnen zu gefallen?«
Der Angeredete, der so unvorbereitet seine Gedanken erraten sah, erschrak. Zum Teufel, wie klug doch diese Russin war, viel gescheiter und gebildeter als die Männer ringsumher. Zu jeder anderen Zeit hätte er das Geplänkel fortgesetzt, um zu ergründen, wie weit das eigenartige Geschöpf durch ihre Koketterie geführt werden könnte; allein jetzt – jetzt – alle diese Nichtigkeiten erschienen ihm im Moment widerwärtig und abscheulich. Er begriff gar nicht, daß er ihnen jemals Bedeutung beigelegt.