»Es überrascht mich,« entrang es sich ihm ohne jede Vorsicht, die er doch unter allen Umständen einzuhalten gewillt war, »wie die drei Kosaken hierher gelangt sind. Nach meiner Kenntnis gab es bis vor kurzem keine derartigen Truppen hier. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, Gnädigste,« setzte er rasch hinzu, als er den langen, weichen, fast betrübten Blick der jungen Frau empfand, »aber sehen Sie, wir Deutschen besitzen nun einmal die unangenehme Eigenart, alles Militärische besonders stark auf uns wirken zu lassen.«
Wie hübsch der elegante schlanke Mann sprach und wie rot sich seine Wangen vor innerer Aufregung gefärbt hatten. Maria Geschowa schämte sich, daß sie an dem albernen Komplott, das ja bereits von dem erfahrenen Kaufmann durchschaut wurde, mitwirken sollte. Daneben aber glühte in ihr die echt weibliche Begierde auf, einen Mann in den Maschen eines Netzes zu verstricken, dessen Verschnürungen man selbst fest in der Hand hielt. Im Grunde war es doch eigentlich ein wohliges Gefühl, zu wissen, daß man unbeschränkte Macht besäße über das Schicksal so freier und aufrechter Menschen. Darin lag ein eigenartiger Kitzel, ein ganz neuer Genuß. Und fortgerissen und lebhaft fand sie sich in die Rolle und zuckte deshalb ein wenig verächtlich die weichen Schultern:
»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Rudolf Bark,« versetzte sie mit feiner Ironie, und auch die vollen Lippen bekundeten eine gewisse trotzige Sucht nach Lüge und Intrigue. »Die drei Burschen dort draußen gehören zur Begleitung meines Mannes. Sie werden selbst sehen, die Wichte verstehen es viel besser, mir meinen seidenen Mantel umzulegen, als einen Karabiner loszudrücken.«
Da war die Unwahrheit heraus. Und seltsam, als Maria Geschowa ihren Blick jetzt in die kühlen, von Zweifel erfüllten Augen des Mannes richtete, von dem sie beinahe hoffte, daß er sie durchschauen möge, da malte sich auf ihren dunklen Bronzezügen ein freches, wildes Flimmern, wie sie es wohl als Kind den Ihrigen daheim auf dem kaukasischen Gebirgsgut gezeigt, wenn sie entwendete Äpfel zu verleugnen hatte. Und siehe da, ihr Partner blieb ihr gewachsen. Es bereitete ihr selbst eine wollüstige Befriedigung, als er mit seinem gewinnendsten Lächeln entgegnete:
»Aha, die Begleitung Ihres Mannes – und sie legen Ihnen den Mantel um – –, ich bin leider durchaus zivil, gnädige Frau, aber bei einer derartigen militärischen Verwendung würde ich mich sofort auf Avancement melden – –«
»Pfui,« atmete Maria Geschowa, bei der der lauernde und gespannte Zug noch immer nicht entschwunden war, erleichtert auf, »Sie werden unartig, bester Freund. Darf ich Ihnen nicht lieber eine Tasse Tee bereiten? Solch ein Trank aus unserem Samowar schwemmt uns alle unnötigen Sorgen fort.« Und indem sie ihm abermals mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust tippte, forschte sie ungeduldig: »Weshalb sehen Sie so unausgesetzt nach der großen, blonden Walküre, die Sie mitgebracht? Sind Sie ihr Vormund?«
Ja, der Prinzipal des Goldenen Bechers hing sich mit allen Sinnen an die aufrechte Gestalt der Ältesten von Maritzken, weil ihn nicht eine Sekunde die treibende Furcht verließ, daß er hier unter diesem fremdsprachigen, auf der Lauer liegenden Volke ihr einziger Schutz und ihre letzte Hilfe sei. Wenn er doch nur unauffällig an ihre Seite gelangen könnte, um ihr seine aufkeimenden Bedenken bemerklich zu machen. Allein Johanna weilte in zwangloser Unterhaltung mit dem Fabrikbesitzer Miljutin an demselben Tischchen, das der Student Diamantow vor kurzem verlassen, und an ihren suchenden, manchmal hilflosen Gebärden erkannte Rudolf Bark, wie sie bei dem russischen Kaufmann sicherlich in der ihr nicht ganz geläufigen französischen Sprache allerlei geschäftliche Erkundigungen einzog. Ihr heut leicht gewelltes Blondhaar leuchtete selbst in der dämmrigen Ecke so voll Glanz und hellem Schimmer, ihre Haltung war so frei und dabei doch so stolz und straff, daß den Beobachter plötzlich die fast berauschende Genugtuung durchströmte – eine deutsche Frau!!
Wenn er sie nur erreichen könnte!
Allein Johanna war zu sehr in die praktischen Erläuterungen vertieft, die ihr Herr Miljutin hinter seiner goldenen Brille, ein wenig stockend und schüchtern wie immer, angedeihen ließ, als daß sie auf ihren einzigen wahrhaften Freund in dieser Gesellschaft geachtet hätte. Das Kapitel des Pferdeeinkaufs war bereits zu ihrer Befriedigung abgehandelt worden, jetzt berichtete ihr der Fabrikant voll Stolz von seinen eigenen Erzeugnissen, und daß er auch Decke und Sims des kleinen Billardzimmers mit ganz neuartigen, perlmutterfarbig irisierenden Kacheln ausgelegt hätte:
»Als Borten, mein teures gnädiges Fräulein,« lispelte Herr Miljutin, »sind Goldmajoliken verwandt, und an der Breitseite ist aus lauter kleinen Mosaik-Porzellanstückchen das Bild unseres erhabenen Zaren als Ritter Sankt Georg eingelegt. Ja, es ist ein schönes Werk des Friedens,« murmelte der Fabrikbesitzer mit kaum hörbarem Kummer, und indem er auf seinem verkürzten Fuß einen Schritt voranhinkte, verneigte er sich an der Schwelle und vollführte eine einladende Bewegung. »Sie würden mich außerordentlich ehren, teures Fräulein, wenn Sie meine bescheidenen Leistungen selbst beaugenscheinigen wollten. Bitte, treten Sie ein.«