»Bestechen?« Jetzt lachte der Russe noch behaglicher und schüttelte das blondbebartete Haupt. Seine blauen Augen sahen ganz erstaunt aus. »Bestechen?« wiederholte er in seinem gebrochenen Deutsch, »nicht doch. Hat Mann gar nicht beabsichtigt. Ist Gewohnheit bei diesen deutschen Spitzbuben. Pardon – pardon,« verbesserte er sich, und die großen Kinderaugen begannen ihm in der Wirkung des Weins oder aus Verlegenheit zu tränen, »sehr ehrenwerte Leute. Versuchen es nur immer wieder. Aber diesmal hat mir heilige Mutter von Kiew beigestanden. Sieben Wagen vor Brücke zurückgehalten, und zweitausend Rubel in meiner Tasche. Was sagen bester Freund?«
Konsul Bark rückte ein wenig mit seinem Stuhl und blickte seinen Gast zweifelnd von der Seite an. Das Gespräch schien ihm durchaus nicht zuzusagen.
»Ich nehme an,« begann er endlich nach einem Moment der Überlegung, während sein schmales, feingeschnittenes Gesicht durch nichts irgendeine Bewegung verriet, »ich nehme an, Herr Rittmeister Sassin, daß Sie gekommen sind, um das Geld wieder an mich abzuliefern.«
»Oh nein, ist Irrtum. Geld gehört Gossudar, russischen Zaren, unserem allergnädigsten Herrn.« Der Russe verbeugte sich, so daß seine Stirn fast die Platte des Schreibtisches berührte.
»Jawohl, ich kann es mir denken,« meinte der Konsul mißfällig, »sprechen wir nicht mehr darüber.«
»Serr gut, ist ganz meine Ansicht, sind hervorragender Kaufmann. – Händler erster Gilde!«
Jetzt warf der Hausherr seinem Gast von neuem einen scharfen Seitenblick zu. Unwillkürlich faltete sich seine Stirn. Sollte dieser große ungeschlachte Mensch sich etwa über ihn lustig zu machen gedenken, gerade jetzt, da der Fremde ihn um eine erhebliche Summe geschädigt? In diesem Augenblick hatte der kühle Geschäftsmann völlig vergessen, wie oft er jenseits der Grenze in dem kleinen elenden Fabrikstädtchen die reiche und ausgelassene Bewirtung des Grenzoffiziers genossen, eine Gastfreundschaft, die sich manchmal bis zu tobendem Wahnsinn gesteigert hatte. Nein, die Erinnerung hieran war dem Prinzipal des Goldenen Bechers wie in dunklem Rauch aufgegangen. Denn Konsul Bark besaß die Fähigkeit, geschehene Dinge, die ihm nicht mehr behagten, kaltblütig auszustreichen, als wären sie nie gewesen. Seine dunkelgrauen, lang bewimperten Augen blickten noch etwas berechnender drein als gewöhnlich, da er sich auf die Huldigung des Offiziers zu der lässigen Erwiderung anschickte:
»Ich bin Ihnen für Ihre gute Meinung sehr verbunden, Herr Rittmeister. Aber gerade, weil ich ein nüchterner Kaufmann bin, so werden Sie es mir nicht übel deuten, wenn ich mich frage, welche geheime Absicht Sie eben jetzt zu mir leitet, obwohl Sie vielleicht Ursache zu haben glauben, mir wegen dieser unangenehmen Zollaffäre zu zürnen.«
Ganz vorsichtig und diplomatisch hatte der Konsul dies vorgebracht, während er unausgesetzt einen großen Elfenbeinfalz zwischen seinen schmalen Fingern hin- und hergleiten ließ. Der Russe jedoch tat seine hellblauen Kinderaugen noch weiter auf, und auf seinen breiten Zügen malte sich vollste Verständnislosigkeit. Ungewiß rieb er sich in seinem stoppligen blonden Kinnbart.
»Nix Zollaffäre, nix zürnen, keine Spur,« versicherte er eifrig und verbeugte sich mehrfach in großer Ehrfurcht vor dem Handelsherrn. »Solche Geschichten alle Tage vorkommen. Au contraire, bereiten Spaß, machen schönes Vergnügen. Leo Konstantinowitsch Sassin bitten Rudolf Bark von Wertschätzung und innigster Freundschaft überzeugt zu sein.«