»Bitte einen Augenblick,« rief eine frische Stimme von drinnen.

Dann ein Hin- und Herhuschen, gleich darauf öffnete sich die hohe weiße Pforte, und durch den Spalt lugte Marianne auf den von einer flackernden Gasflamme erleuchteten Gang hinaus. Draußen auf dem Läufer des Flurs wartete ein junger Offizier, die Mütze in der Linken und die Rechte auf den Degen gestützt.

»Ach du bist es, Fritz,« flüsterte Marianne, über die Heimlichkeit der Szene erfreut, und zog ihren Besucher eilig über die Schwelle. »Ist das nicht reizend, daß wir hier bleiben mußten? Denke doch, ein so unverhofftes Stelldichein.«

»Marianne!«

»St– nicht so laut, Ihr Männer könnt Euch niemals an Diskretion gewöhnen. Hier nebenan sind Johanna und Isa einquartiert, und wenn sich meine Schwestern auch zum Glück bereits zu Konsul Bark in das Gastzimmer begeben haben, so darf dich doch auch kein anderer hören. Wie denkst du dir das eigentlich?« Und dabei schmiegte sie sich an ihn und streichelte ihm sanft die Wangen.

Draußen aber von dem Marktplatz hob sich wieder die gewaltige Woge, die dazu bestimmt war, ein ganzes Volk auf unerkannte Gipfel seines Daseins zu tragen. Tausendstimmig einten sich Kampfesmut, Vaterlandsliebe, Seligkeit und Schluchzen immer wieder zu der längst und heiß und willig beantworteten Schicksalsfrage. Himmelan brauste der wilde, der beschwörende Gesang, der das eiserne Gelöbnis enthielt.

Und siehe da, der junge Offizier machte sich schnell von der hingebenden Umschlingung frei, ja es lag ein Abschütteln in der Bewegung, als er jetzt rasch unter das Fenster trat. Einen vollen Blick sandte er auf die dunklen wogenden Häupter dort draußen hinaus, dann wandte er sich entschlossen zurück, und seine Stimme klang anders als sonst, kurz, gepreßt und voll innerer Entschiedenheit, da er jetzt zu seiner Geliebten dicht an den Tisch zurückkehrte.

»Du irrst, Marianne,« nahm er das Gespräch rasch wieder auf, »ich besuche dich hier mit Erlaubnis deiner ältesten Schwester.« Und bewußt setzte er noch hinzu: »Ich möchte dir übrigens gleich bemerken, daß Johanna, seitdem ich sie näher kenne, meine volle Verehrung genießt.«

»So?« spottete die Schwarze und ließ sich in dem verblaßten roten Plüschsessel des Hotelzimmers nieder, so daß ihr Besuch jetzt vor ihr stand, »das ist ja äußerst schmeichelhaft für die ganze Familie. Darf man auch erfahren, Fritzchen, was du mir in ihrem Auftrage überbringst?«

Dabei dehnte sie sich ein wenig und ließ die Spitzen ihrer schwarzen Lackschuhe leise gegeneinander klappen. Ihr Besucher indessen wurde von den Lockungen des Bildes nicht eingefangen. Bezwungen horchte er vielmehr auf den Gesang, der ungeschwächt um die dunklen Umrisse der Häuser fortbrandete, und ohne sich selbst darüber klar zu sein, so war es dem Lauschenden doch, als ob das bessere Teil von ihm, seine Seele, gar nicht hier drinnen in dem Zimmer weile, wo die höchsten Wünsche des Mannes sich erfüllen sollten, sondern draußen bei den Namenlosen, Durcheinanderwogenden, die dem in Gefahr befindlichen Vaterlande das Trostlied sangen.