»Na ja, ich weiß schon. So ein junger Leutnant darf dienstlich überhaupt nicht zufrieden sein, – wäre ganz reglementswidrig. Aber nun sage mal, Fritz, bist du krank?«

Eine leichte Pause entstand. Unschlüssig, mit sich kämpfend, sandte der Jüngere seinen Blick gegen das Lämpchen, das seine dämmrigen Friedensstrahlen unverwandt ihm entgegenschickte. Der alte Herr jedoch wurde ungeduldig, und knöpfte an seinem ziemlich salopp herabhängenden Waffenrock herum.

»Na also, offen, offen, mein Kerlchen,« drängte er überredend, »ich habe nämlich deinen Eltern so eine kleine Inquisition versprochen, sonst würde ich mich ja nicht so beharrlich in derartige Geheimnisse mischen. Wir haben, weiß Gott, jetzt anderes zu denken, nicht wahr, Fritz? Aber in euren kleinen dumpfen Garnisonen wachsen manchmal wunderliche Geschichten auf. Und da findet solch alter, kalter Bücherwurm wie ich vielleicht doch besser durch, als so ein feuriges Temperament mit dem bewußten Napoleon-Gesicht. Also Junge, ich bitte um Vertrauen.«

Da ermannte sich der Gefragte, und in seinen dunklen Augen, die er zu dem gütigen Verwandten erhob, stand seine ganze Leidensgeschichte geschrieben, als er sich stockend abrang:

»Onkel, du hattest recht. Ich war krank. Ich glaube, ich habe ein böses Fieber überwunden.«

Jetzt nahm der Alte den Kopf des Offiziers tröstend, besänftigend, beinahe liebkosend in seine beiden Hände. Es war unbeschreiblich, welch eine wackere, mannhafte Güte von dem gelehrten Krieger ausging.

»Also überwunden, Fritz? Wirklich und wahrhaftig?« fragte er eindringlich.

»Ja, Onkel Siebel,« bekräftigte der andere fest, »ich gebe dir mein Wort.«

»So, so,« erwiderte der Generalmajor bedächtig und gab langsam den Eingefangenen frei, »dann ist diese Angelegenheit ja für mich erledigt. Gottlob. Ich muß dir nämlich gestehen, Fritz, – da mir Heimlichkeiten auf der Seele brennen – daß deine liebe Mutter durch allerlei Klatsch und Zusteckereien über deine Affäre unterrichtet war. Die alte Dame fühlte sich innerlich recht beunruhigt, wenn sie es auch nach außen hin tapfer verschwieg. Aber nun, mein lieber Sohn, komm, setze dich zu mir an den Tisch und laß uns jetzt über das reden, wovon die Herzen aller deutschen Menschen voll sind. Ich wurde hierher geschickt, um den hiesigen Herren Offizieren einen kriegswissenschaftlichen Vortrag zu halten. Daraus wird natürlich nichts, denn jetzt werden wir ja in der Praxis zu erproben haben, durch die lebendige Tat, was wir wissen und erlernten. Komm, mein Junge, die beiden Flaschen Pilsener Trankes genügen für uns. Jetzt wollen wir Kriegsrat halten.«

Bis weit nach Mitternacht saßen die Beiden zusammen. Und während draußen jeder Laut erstarb, während die Stadt, um die ein ferner Feind bereits seine haarigen Riesenarme klammerte, in schweren, traumerfüllten Schlaf verfiel, in den letzten vielleicht, dem sie sich ungestört und im Besitz geheiligter Ruhe und Ordnung hingeben konnte, da zauberte der alte Mann, dem der Krieg mehr als blutiges Getümmel, tolles Einhersprengen und fröhliches Waffenklirren bedeutete, da zauberte der Kundige wundersame befreiende Gebilde vor den aufhorchenden Schüler hin. In blühender, fortgerissener Sprache schilderte er das Elementarereignis, das nicht zufällig über den geduckten Menschheitsnacken fortraste, sondern natürlichen, längst erwarteten, genau zu berechnenden Gesetzen folgte, die nicht nur Brand und Verderben, sondern auch Sammlung und Auferstehen mit sich führten. Der Krieg war kein sinnlos tobender Vernichter, sondern ein weiser, vorbedachter Haushälter unter den Erdenvölkern. Gleich dem Tod, der den Lebenden aus ihrem engen, arg bedrängten Bezirk immer wieder Luft und Raum schafft, so war auch der Krieg der grübelnde Gärtner, der ganze Völkerpflanzungen, auch wenn sie scheinbar noch blühten, umpflügte und zur Ruhe verdammte. Entweder, weil er in späterer Zeit anders geartete Früchte von ihnen erwartete, oder weil er dem ungestümen Drang jüngerer Schößlinge nach Ausbreitung für eine gewisse Dauer nachgeben mußte. Der Krieg waltete aber auch als der letzte eiserne Schulmeister der Gottheit auf der Erde. Was früher, solange Gemüt und Körper noch schwerer bildsam waren, Sintflut, krachende Weltteilabstürze oder eishauchende Vergletscherungen vollbracht hatten, nämlich die Erziehung ungeheurer, von den Elementargewalten betroffener Stämme nach einer bestimmten Richtung hin, zu einem ganz gewissen Ziel, das erst die Spätgeborenen, schaudernd vor der ewigen Gerechtigkeit, als planvoll und segensreich erkannten, dafür wurde jetzt unter den verfeinerten Lebensformen, sobald sie zur morschen Überreife neigten, der Krieg als allgemein verständlicher, jede Auflehnung erstickender Erzieher über die Erde geschickt. Und er hat jedesmal seine stählerne Rute gut geschwungen. Noch kennt das Menschengeschlecht keinen Examinator, der so klar die Talentvollen und Starken nicht allein über Schwache und Faule, sondern sogar über die fleißige Mittelmäßigkeit zu setzen wüßte. Und dann, – seine Lehrstunde ist nur kurz, denn wenn er gesagt hat, was er weiß, dann schlägt er die Tür der Schulstube donnernd hinter sich zu und schreitet in den dichten Wald der Jahrhunderte. Aber das, was er seinen Schülern vortrug, bleibt eindringlich über Geschlechter hinaus haften und wirkt unvergeßlich fort bis zu späten Enkeln.