»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«

»Ich sah es nicht selbst, aber der Landbriefträger hat es erzählt. Dem Schmied von Löthau haben sie, als er einen von den Mordbrennern mit dem großen Hammer totschlug, mit seinem eigenen Viehstempel eine Marke ins Genick gesengt. Der Mann ist wahnsinnig geworden.«

»Wehe, wehe, wie wird es uns gehen! Wer wird uns zu essen geben, wenn wir nicht mehr weiter können?«

»Lauft zu dem Fräulein von Maritzken, sie hat Milcheimer aufgestellt und Brote hingelegt.«

»Herr Jesus, ist sie noch da?«

»Ja, die Grothe-Marjellen sind noch da. Wir haben ihre hellen Kleider durch die Büsche gesehen.«

»Oh, sie muß uns Brot und Milch geben. Und dann weiter, weiter, hier bleiben wir nicht!«


In dem kleinen gemütlichen Eßzimmer zu ebener Erde saßen die beiden ältesten Grothe-Schwestern, und es schien, als ob sie trotz ihrer Verlassenheit ruhig die Hefte der Journalmappe durchstöberten, die zum Teil aufgeschlagen die Platte bedeckten. Über ihnen sandte die grün verhangene Hängelampe ihr sanftes elektrisches Licht aus, und in dem kleinen Gemach waltete eine Stille, die man in anderen Zeiten behaglich genannt hätte. Heute aber war es, als ob der Tag an seiner Rüste beklemmt den Atem anhielt, bevor er von neuem seinen Mund zu wilden blutrünstigen Märchen und Erzählungen öffnete. Eben schlug es von dem nahen hölzernen Kirchturm die neunte Stunde. Durch die Wipfel der hochstrebenden Eichen vor dem Hause fuhr ein ziehendes Wehen, ein unheimliches Ächzen, das die innere Unruhe nur vermehren konnte, als die Seitentür knarrte, und Isa in einem grauen Reisekleid, einem schwarzen Lackhut auf den roten Haaren, völlig gerüstet hereintrat. In dem feinen Gesicht der Siebzehnjährigen nistete eine erschreckende Blässe. Ihre großen Goldaugen schienen wie von Nebel verhängt und irrten unruhig von den beiden älteren Schwestern hinweg zu dem einzigen Fenster der Stube hin, vor das die Nacht jede Aussicht sperrend ihr schwarzlockiges Haupt gedrängt hatte. Vergebliches Mühen, denn die Jüngste der Grothe-Marjellen fing dennoch in ihrer aufgereizten Einbildungskraft tolle, sich überstürzende Begebnisse auf, die sich dort draußen unter erstickten schreckhaften Rufen verkündeten. In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte des Tisches herum und zupfte an den Ecken der Journalhefte, ohne zu empfinden, wie sehr sie dadurch ihre ruhige Schwester Marianne in ihrer Lektüre beeinträchtigte.

Da trat Johanna auf das furchtgeschüttelte Mädchen zu und klopfte ihr leise die Wange. Von der Berührung zu sich selbst gebracht, drängte sich Isa dicht an die ragende Gestalt ihrer ältesten Schwester heran, und eine kurze Sekunde war es der Kleinen, als ob hier an den festen Gliedern der ruhigen und gefaßten Frau auch für sie ein Schutz, eine Zuflucht geboten werden könnte. Im nächsten Moment freilich flackerten ihre Blicke wieder begehrlich um die nahe Tür, denn der ungestüme quälende Hang nach Flucht und Rettung überwältigten das zitternde Geschöpf von neuem.