»Du willst also wirklich diese Nacht nicht bei uns verbringen?« fragte Johanna in ihrem gewohnten Ernst, wobei sie es jedoch vermied, irgendeinen Tadel oder eine Abmahnung mitklingen zu lassen, »du bleibst dabei, zu so später Stunde zu unserer Tante Adelheid nach Sorquitten zu fahren? Aber wie, Kind, wenn Fedor Stötteritz und die meisten seiner Leute schon fort wären? Ich will dich nicht ängstigen, aber es ist doch möglich.«

Die Jüngste jedoch ließ sich von dem Einwurf nicht treffen, sie schüttelte das rote Haupt nur bestimmter und sicherer, als ob es für ihre Pläne kein Hindernis geben könnte.

»Das wird ja nicht sein,« stammelte sie in der Sucht, sich an einen irgendwo in der Ferne gaukelnden Rettungsschimmer wie an ein starkes Seil zu hängen, »das ist ja ganz gewiß nicht der Fall. Fedor, und der Inspektor, und alle seine Knechte sind noch da. Dort befindet man sich dann endlich in Sicherheit. Nicht wahr, das meinst du doch auch? Komm mit, Johanna,« setzte sie plötzlich dringend hinzu, während sie die Hand der Blonden mit fieberhafter Glut umspannte, »komm mit, ich bitte dich. Begleite du mich wenigstens, Marianne. Ich kann euch nicht schildern, was ich hier leide. Wenn wenigstens ein Mann uns zur Seite stände, wenn Konsul Bark – –«

»Laß den Konsul zufrieden,« schnitt Johanna rasch ab. »Er wird jetzt für sich selbst zu sorgen haben. Und du, mein Kind, fahre in Gottes Namen. Baumgartner wartet draußen schon mit dem Wagen auf dich. Und um uns brauchst du dich nicht zu beunruhigen, hörst du? Der Landrat hat mir versprochen, daß wir sofort durch Depesche benachrichtigt werden, wenn irgendeine Gefahr im Anzuge sei. Grüße Tante Adelheid und auch Fedor von mir und sage ihnen, sobald es zum Äußersten kommt, werde ich selbstverständlich auch an mich denken. Nun geh, mein Kind, mache dir den Abschied nicht schwer, denn ich denke, wir sehen uns in den nächsten Tagen wieder. Und Baumgartner soll das Verdeck hochschlagen, verstanden? Denn es sieht aus, als ob es regnen wollte.«

Ein paar Minuten später rollte der Wagen mit seiner einsamen Insassin bereits über die Chaussee. Kühl lag die Nacht auf Feld und Steg. Schwarzgezackte Wolken segelten an dem sternenlosen Himmel dahin und schoben sich zu ungeheuren drohenden Gebilden zusammen. Nur ab und zu jagte ein bleicher Mond aus den gähnenden Klüften dort oben heraus und goß einen schnell verschwindenden Lichtsturz auf die reifen Felder herab. Ein paar vereinzelte Regentropfen klatschten hohl auf den Weg.

Ungeduldig rückte Isa unter dem engen Lederverdeck hin und her. Es war so dunkel und stickig unter der schwarzen Kappe. Jede Aussicht wurde versperrt. Und ein unbestimmtes banges Gefühl befahl ihr, noch einmal nach der entschwindenden Heimat zurückzuschauen. Pochenden Herzens erhob sie sich, um ihrem Kutscher einen leichten Schlag auf den Rücken zu versetzen. Überrascht wandte sich der still vor sich hinstarrende Mann zurück.

»Was wollen Sie, Fräulein?«

»Baumgartner,« schmeichelte Isa, während ihre Hand immer noch unbewußt über die Schulter des Statthalters glitt, »es ist so beklommen hier drinnen; schlagen Sie das Verdeck zurück.«

Der Mann schüttelte bedenklich das Haupt und zog die Zügel etwas an.

»Aber Fräuleinchen,« wehrte er sich, »es feuchtet hier draußen. Hören Sie nicht die Regentropfen?«