»Meine Gnädige,« begann die reine einfangende Stimme von neuem, die das Deutsche in einem so wunderlich reizvollen Tonfall vortrug, »bitte nehmen Sie die Situation, wie sie in unserem Falle genommen werden muß. Ich habe allerdings den Befehl, Ihr Gehöft zu besetzen, aber schon der Umstand, daß ich den großen Vorzug Ihrer Bekanntschaft genieße, muß Sie von dem Mangel jeder persönlichen Gefahr überzeugen.«
Noch redete der Fürst, als die Gutsherrin plötzlich etwas Kaltes, feucht Durchfröstelndes an ihrem Arm spürte, und mit der Berührung schoß ihr ihre Lage, ihre rettungslose Auslieferung an eine fremde Gewalt mit schmerzhafter Klarheit ins Bewußtsein. Zuvorkommend lächelnd sah der durchnäßte Offizier mit an, wie das blonde Haupt sich mit einer gewaltsamen Anstrengung erhob, ja, er fühlte eine Art von Bewunderung für die furchtlose Ruhe, die so unvermutet in den eben noch verstörten Zügen lebendig wurde. Nur ungemein blaß blieben die Wangen des großen Weibes, das so hoheitsvoll und unnahbar vor ihm gelegen hatte, und er konnte nicht umhin, seine zudringlichen Augen niederzuschlagen, als er bemerkte, wie sie mit rastlosen Händen ihren leinenen Mantel um ihre Schultern zusammenzog.
»Ist Krieg ausgebrochen?« war das erste, was sich rauh ihrer Kehle entwand, während sie mit einer raschen Bewegung aus dem Bett glitt. Ganz nah stand sie dem Manne jetzt gegenüber, von dem sie sich blitzartig entsann, daß er Dimitri heiße, ihre Hände hielt sie unter dem Hals zusammengefaltet, und ihre langen hellen Haare fielen ihr über die Schulter.
Auch der Russe stand ohne sich zu rühren, nur die Nasenflügel bebten ein wenig, und in seinen Blick drang etwas Unsicheres, das zu seiner gewohnten vornehmen Überlegenheit nicht völlig paßte.
»Ist Krieg ausgebrochen?« stieß Johanna noch einmal hervor, und ihre in der matten Beleuchtung fast dunklen Augen umspannten aufmerksam die nahe Tür, als begänne sie bereits jetzt zu berechnen, wie man den Ausgang gewinnen könne. »Uns ist von einer Erklärung nichts bekannt,« setzte sie schon etwas anklagender hinzu, denn ihr Gerechtigkeitssinn klammerte sich selbst in diesem Weltuntergang an Ordnung und Herkommen.
Der Offizier jedoch zuckte verbindlich die Achseln und riß sich mit einem entschuldigenden Murmeln die durchnäßte grüngraue Mütze von seinem Lockenhaupt, denn jetzt, da die große blonde Nemza so kühl und frostig, wie er sie im Gedächtnis bewahrte, vor ihm aufragte, da erinnerte sich sein anerzogener Takt daran, daß er immerhin vor einer Dame stände und zwar in ihrem Schlafgemach.
»Gnädigste,« sagte er rasch, indem er die kleine Schußwaffe in die Manteltasche gleiten ließ, um sein Gegenüber nicht unnötig zu ängstigen, »ich bedaure es außerordentlich, daß ich für Sie der erste Bote der bereits seit gestern begonnenen Streitigkeiten sein muß. Ob diese Differenzen vorher angekündigt wurden oder nicht, bin ich leider nicht in der Lage zu übersehen. Jedenfalls bringt der rasche Einbruch für uns Vorteile, die ich wahrzunehmen gezwungen bin.«
In dem Bestreben, die Gutsherrin zu beruhigen, wollte der Dragoner augenscheinlich noch etwas anfügen, als sich hinter ihm ein Poltern und Schreien erhob. Ein paar völlig mit Kot bespritzte, vom Regen beinahe durchweichte Soldaten waren die Treppe heraufgestürmt. Sie hielten eine brennende Stallaterne vor sich und starrten neugierig in das offene Stübchen, mit einem heimlichen Schmunzeln, das Johanna, obwohl sie jetzt erst den vollen Ernst ihrer Bedrängnis erkannte, innerlich empörte.
»Durchlaucht,« wandte sie sich ohne noch eine Spur von Beängstigung zu verraten, an den Offizier, und ihre Stimme klang streng und ernst wie immer, »bitte schicken Sie Ihre Leute fort, denn ich bin nicht so bekleidet, um mich vor Fremden zeigen zu können. Das gilt auch für Sie. Und dann bitte sagen Sie mir, was Sie von mir wünschen und welches Schicksal mich und die Bewohner von Maritzken erwartet.«
Der Russe wandte sich erst zur Tür, warf die Hand gebieterisch vor und rief ein einziges fremdartiges Wort. Aber seine Weise, Befehle zu erteilen, schien von der Gewöhnung diktiert, Gehorsam zu erzwingen. Sofort krümmten sich die durchnäßten struppigen Gestalten auf dem dunklen Flur zusammen und tappten lautlos die Treppe herunter. Nur ein starker Mann, der wohl die Charge eines Wachtmeisters einnahm, raffte den Säbel militärisch an sich und erstattete eine kurze Meldung. Daraufhin flog ein Schatten über die Züge des Fürsten, er wandte sich ein paarmal unentschlossen hin und her, um dann von neuem auf die Besitzerin des Hauses zuzutreten. Diesmal jedoch klang seine Anrede nicht mehr so devot und rücksichtsvoll, sondern sie war beherrscht von dem Willen eines Machthabers, der für seine Wünsche Beachtung zu finden gesonnen ist.