»Meine Gnädige,« begann er, »ich hätte es sicherlich vorgezogen, Ihnen erst morgen meine Aufwartung zu machen, wenn ein Unfall uns nicht zwänge, Ihre tätige Mitwirkung zu erbitten. Ich brauche ein gut eingerichtetes Zimmer für einen Verwundeten,« fuhr er knapp und berechnend fort. »Drinnen in der Stadt ist einem meiner Offiziere von einer bekannten Persönlichkeit ein Empfang bereitet worden, wie wir ihn von einem uns freundschaftlich nahestehenden Herrn nicht erwarten durften.«
»Um Gottes willen, von wem reden Sie?« rief Johanna von einer Ahnung durchschlagen.
Der Offizier jedoch schüttelte diesmal abweisend das Haupt. »Ich bedaure, darüber keine Auskunft erteilen zu können,« lehnte er mit einer leichten Verbeugung ab. »Dagegen muß ich Sie noch einmal ersuchen, für meinen verwundeten Kameraden die umfassendste Sorge tragen zu wollen. Er glaubte, hier eine unserer Sanitätskolonnen erreichen zu können, aber dieses Vorhaben ist uns leider mißgeglückt. Bitte wollen Sie deshalb, mein Fräulein, sofort ein geräumiges Zimmer aufschließen lassen und uns sodann die etwa vorhandenen Leinen- und Verbandstoffe anvertrauen.«
»Darf ich mich erst umkleiden?« drängte die Älteste von Maritzken gepreßt.
Der Offizier bewegte bedauernd die Hand.
»Ich vermag Ihren Unwillen vollkommen zu begreifen,« wandte er immer noch mit seiner konzilianten Haltung ein, »allein wie ich schon betonte, unser Fall verlangt die größte Eile. Bitte, wollen Sie vorantreten,« forderte er dann noch zielbewußter, »und seien Sie überzeugt, Ihnen wird nicht nur von mir, sondern auch von allen meinen Untergebenen jeder Respekt entgegengebracht werden!«
Damit ergriff der Russe ohne weitere Erlaubnis die kleine Petroleumlampe, trat an die Schwelle der Tür und hob die Leuchte hoch in die Höhe. Johanna aber durchdrang, während sie schweigend an ihm vorüberschritt, zum erstenmal das peinigende Gefühl des Unterworfenseins. Es war ja eigentlich eine ganz lächerliche Veranlassung, aber als der fremde Mann, der sie doch mit ausgesuchter Höflichkeit behandelte, den Porzellangriff des Lämpchens umklammerte, mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte von nun an alles, was zu diesem Hause gehörte, unbedingt und ohne Widerrede seinen Wünschen zu dienen, da schnitt dem Landfräulein etwas ins Herz. Etwas, das nie wieder heilen sollte und wodurch in ihr Denken ein Verlangen hineingetragen wurde, das sie sich vorläufig noch nicht zu deuten vermochte, vor dessen Gewalt aber ihr ruhiges Gleichmaß schließlich in die Knie brach. Eilfertig, wie ihr geheißen war, stieg sie die Treppe herunter, ihre Hände zogen noch immer instinktiv die leinene Hülle fest unter ihrem Halse zusammen, aber während sie bereits kühl und folgerichtig überlegte, welche Anordnungen nun zunächst zu treffen wären, und ob nicht etwa Knechten und Mägden bereits ein Unheil widerfahren sein könnte, da spürte sie in den Tiefen ihres Wesens ein unheimliches wildes Klopfen und Drängen, ein Fluten, das wie ein unstillbares Fieber von nun an ihren Leib umhüllte, auch wenn ihr Mund lächelte. Mit leichten Tritten war ihr Fürst Fergussow gefolgt. Sie hörte seine Sporen noch auf den Stufen klirren, als sie bereits zu ebener Erde vor einer breiten Tür stehen blieb, um dann durch einen Schlüssel des mitgebrachten Bundes das Schloß zu öffnen. Allein noch war das Räuspern und Winden des Schlüssels nicht ganz verklungen, als hinter der Abgewandten eine hohle Stimme sich bemerkbar machte, die mit größter Anstrengung Mark und Tiefe in ihr Organ zu zwingen suchte.
»Ah bon soir, schönstes Fräulein,« röchelte es in gebrochenen Lauten.
Johanna kehrte sich betroffen um, und bei dem trüben Lampenlicht, das vor der einströmenden Luft zuckte und flimmerte, fing sie mit Schauder auf, wie neben dem Eingang ein bärtiger Mann zusammengesunken auf einem alten zerfetzten Bauernstuhl hockte, den die Russen scheinbar von weit her mitgeschleppt hatten. Über dem grauen Mantel hatte sich ein verkrustetes Blutrinnsal gebildet, und aus dem breiten Gesicht, das einen fahlen Widerschein von sich gab, leuchteten ein paar funkelnde, bösartige Augen.
»Diese Schweine,« fuhr die hohle Stimme mit zitternden Schwankungen fort, »Sie haben mich festgebunden, sonst würde ich aufstehen. Ganz gewiß. Leo Konstantinowitsch Sassin weiß, was er schönen Damen schuldet.« Und dann versickerten die schwächlichen Laute, und Johanna fühlte beschämt, wie die brennenden Augen des Verwundeten spürend an ihrem weißen Gewand herumtasteten. »Aus dem Bett geholt?«, keuchte der Blutende und richtete einen seltsamen Blick auf den Fürsten Fergussow. »Dieser verfluchte Krieg, wir wünschen ihn nicht.« Aber gleich darauf warf sich der Rittmeister so gut er konnte, zu den ihn umstehenden Soldaten herum und schrie wütend, so daß es jetzt wirklich durch das Haus gellte: »Schert euch endlich zu einem Arzt, ihr Müßiggänger. Wollt ihr mich hier noch länger anstarren? Und Sie, Durchlaucht, verschaffen mir vielleicht durch Ihre vorzüglichen Verbindungen ein Sofa oder eine Chaiselongue. Ich brauche nur ein paar Stunden Schlaf. Sie sollen sehen, nichts weiter. Oh, dieser verwünschte deutsche Heuchler, wenn ihm doch heimgezahlt würde!«