Wie ein Traum, rasch, schemenhaft, wesenlos, glitt von nun an alles an der Gutsherrin vorüber. Sie sah, wie der Kranke auf seinem Stuhl von zwei Soldaten in das geöffnete Zimmer getragen wurde und spürte die schwere stickige Luft, die aus dem Raum herausschlug, weil es eines jener Staatsgemächer war, die mit verhängten Fenstern fast das ganze Jahr unbenutzt in dunklem Schlafe lagen. Ihr war es so, als ob der Verwundete auf das veilchenblaue Samtsofa gebettet würde, und vorüberfliehend preßte die Erwägung ihr hausmütterliches Herz zusammen, wie sehr das kostbare alte Ebenholzmöbel unter der beschmutzten Kleidung des Mannes sowie vom herabrinnenden Blute leiden müßte. Ihr schien es, als ob die junge Frau des Verwalters Baumgartner, die ihr halbwüchsiges Töchterlein an der Hand führte, von ein paar rohen Männerfäusten zur Bedienung des Kranken über die Schwelle gestoßen wäre, und für einen hinzuckenden Moment erkannte sie die bleichen Züge der beiden halb Bekleideten, in denen ein starres Entsetzen lauerte. Dann fand sie sich selbst vor dem mächtigen Bauernschrank auf dem Flur, aus dem sie Leinenstoffe und allerlei Verbandzeug herausgab.

Aber plötzlich wurde alles still, der Lichtschein entschwand hinter der geschlossenen Tür, und nur ein paar nahe, regelmäßige Atemzüge verrieten ihrem herumtastenden Bewußtsein, daß sie jetzt mit dem Fürsten Fergussow allein in der Finsternis weile. Empfindlich schauerte sie zusammen, denn sie glaubte den fremden Atem ganz dicht an ihrem Nacken zu spüren.

Da lief unvermutet ein neuer Lichtbach die Treppe herunter, und in dem huschenden Schein sah Johanna, wie der Russe sich zusammenraffte, um grüßend die Hand an die Mütze zu führen. Über die obere Galerie beugte sich Marianne herab, und aus ihrem Nachtkleid dämmerten die entblößten Arme voll und wohlgeformt hervor, so daß selbst die widerstrebende älteste Schwester innerlich zugeben mußte, selten ein lockenderes Bild erschaut zu haben. Allein nur eine Sekunde konnte bei der Umsichtigen eine derartige Erwägung dauern, denn kaum hatte sie festgestellt, mit welch bewunderndem Glanz sich die Augen des fremden Offiziers erfüllten, da klang es bereits hart aus ihrem herrischen Munde hervor:

»Marianne!«

»Was willst du?«

»Du siehst, wir haben Einquartierung erhalten. Begib dich auf dein Zimmer zurück und schließe hinter dir zu.«

Aber der verbindliche Gruß des fremden Offiziers mußte auf das schöne Geschöpf in dem losen Nachtkleid dort oben durchaus die gewünschte Wirkung hervorgebracht haben. Um ihren Mund huschte ein wohlgefälliger Zug, sie schien weit davon entfernt, auch nur die winzigste Vorstellung von dem Jammer zu besitzen, der nicht allein ihre bisherige Wohnstätte, sondern doch sicherlich auch die ganze Umgegend betroffen hatte. Mit einer feinen Biegung verneigte sie sich zum Abschied vor dem fremden Eindringling, und während sie sich bereits von der Galerie abkehrte, da warf sie über die Schulter noch einen ihrer samtweichen Blicke zurück. Es war ganz die Art, wie wenn sich eine Tänzerin nach dem Ball von ihrem Kavalier zögernd und vielsagend trennt. Gleich darauf klang langsam und ohne sonderliche Eile die Tür. Es wurde wieder dunkel.

»Ich werde Licht holen,« äußerte die klare, grobe Stimme Johannas.

Fürst Fergussow griff in seine Manteltasche, zog eine kleine elektrische Laterne hervor und drückte den Knopf. Sogleich strahlte ein runder, goldiger Kreis auf, in dessen Mitte das starre Haupt der Nemza in einer steinernen Weiße hervorschimmerte.

Und als der elektrische Blitz sich in den Augen der vom blendenden Licht Umrahmten spiegelte, da fuhr der Beobachter zurück vor der eisernen Grausamkeit, die dort unversteckt funkelte und glitzerte.