Er wunderte sich, warum er nicht ungehalten auf sie sein konnte, warum sich nicht zwischen dem Frommen und ihr, der Gottlosen, eine noch höhere Scheidewand aufrichte – aber seltsam, auch ihn erbaute heute der Dienst des Herrn nicht, keine Tröstung fand er in den Worten des kleinen Pastor Schirmer, immer wieder beschäftigten sich seine Gedanken mit dem Mädchen, er empfand eine heftige Sehnsucht nach ihr und verstand es nicht, warum er nicht bei ihr geblieben sei. Und doch brauste die Orgel so herrlich und doch feierte man die Geburt des Herrn.
Er entsetzte sich. Er dachte schon ganz mit ihren Gedanken. Er besaß auch keinen Gott mehr, nur ein Weib, das er umfassen und küssen und immer wieder küssen wollte, sein Heiland war ein Mädchen, das ihn fortlockte, fort zu Lust und Leben und Arbeit.
»Wirf die Last von dir,« zuckte es durch seine Sinne.
Hatte es der Pastor gesprochen? – War es ein Bibelwort? – Er wußte es nicht.
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Als Wilms seine Schwägerin verlassen hatte, war Hedwig noch einige Zeit regungslos am Fenster sitzen geblieben. Bald betrachtete sie den schmalen, silbernen Reif an ihrem Finger, bald sah sie sich erstaunt in dem weiten Zimmer um, als begriffe sie gar nicht, wer sie hierher versetzt hätte. Ihr war plötzlich alles zu eng und dumpf. Die entsetzliche Angst von gestern drückte noch auf ihr Gemüt, ihr dämmerte es, als wäre sie bis jetzt von einem häßlichen Zauberschlaf umsponnen worden.
»Luft – Licht.«
Sie spähte an sich herunter. Das einfache, schwarze Kleid kam ihr ärmlich vor.
Was war nur in der Zwischenzeit aus ihr geworden? Draußen blitzte und funkelte die Landschaft. – Die dickbeschneiten Bäume der Straße sahen wie ungeheure, weiße Korallen aus.
Das Mädchen befiel ein ungestümer, heißer Drang, dort draußen hinzustürmen, sich auszutummeln, ihre frische, schwellende Kraft zu betätigen. Ja, sie wollte ebenfalls das Fest begehen. Es war ja ein kleiner winziger Schlitten im Hause. Den selbst lenken und dann hinfliegen auf der glatten Bahn, das würde sie wieder gesund machen.