»Ich hab’ dir das Gesangbuch meiner Frau mitgebracht – – ich wußte ja nicht, daß du – daß du so gesonnen bist – – und also –« er drehte das kleine Buch hin und her, »du begleitest mich also nicht?«

Es sprach soviel schwermütige Bitte daraus, daß Hedwigs Herz unwillkürlich schneller schlug. Aber ein Blick auf den altväterlichen Bratenrock und das abgegriffene Gebetbuch stimmte sie wieder um.

Ihre heftig brennende Neigung kam ihr plötzlich wie ein Traum vor. Nach Liebe sehnte sie sich, nach Sturm und Trotz gegen den Mann, nach irgend etwas, was sie noch nicht kannte, – und nun dieser schwarzgekleidete, unbehilfliche Mann mit seiner Atmosphäre von dumpfer Kirchenluft.

Sie erwachte förmlich. Die Stunde in dem Pensionsstübchen fiel ihr ein, – und – –

»Nein, ich gehe nicht,« entschied sie entschlossen.

Wilms nickte und ließ noch einmal seine blauen Augen voll auf ihr ruhen. »Wie du willst. – Dann ruh’ dich hier aus, Heting. Und wenn ich wiederkomm’, singst du wieder so schön wie gestern.«

Er konnte ihr Erröten nicht mehr wahrnehmen, ebenso wenig wie die heftige Bewegung, als wenn sie ihn dennoch zurückhalten wolle.

Langsam schritt er über den Hof in den klaren Wintertag hinein, während das Mädchen ihm durch das Fenster ernst und düster nachschaute.

In der Kirche von Boltenhagen, zwischen den hohen Eichenstühlen blieb ein Platz neben Wilms frei. Hier hatte Else früher gesessen, und der Pächter hatte es sich reizend ausgemalt, heute am hohen Festtag diesen Raum von Hedwig eingenommen zu sehen.

Wie silberhell würde ihre Stimme, die ihm gestern abend das ganze Herz gerührt hatte, wohl geklungen haben, wenn sie beide zusammen, Haupt an Haupt, aus dem kleinen Büchlein die Psalmen verfolgt hätten. Und nun – – – die Orgel rauschte, die Gemeinde stimmte ein, aber Wilms Lippen bewegten sich nur mechanisch, er dachte immerfort an das schöne, junge Geschöpf daheim, das an dem Christenglauben keine Freude fand.