Später, als Hedwig sie schon wieder verlassen hatte, nahm die Leidende, die da glaubte genesen zu sein, die Bibel und versuchte, ihre bösen Gedanken durch die heiligen Worte zu bemeistern. Jedoch verständnislos überflog sie die breiten Zeilen, und ihre Lippen murmelten allerlei abgebrochene Laute, die nicht hierher gehörten. Zerstreut erhob sie sich endlich und schritt mehrmals unsicher durch das weite Zimmer.
»Weshalb er mich wohl belogen hat?« sann sie, ohne eine Antwort finden zu können. Müde und abgespannt lehnte sie endlich am Fenster und blickte auf den Hof hinaus, über dem warmer Sonnenschein lag.
Da wurde sie aufmerksam. Welch eine Gestalt saß dort draußen auf dem Prellstein vor dem Tor? Ein schlotterndes abgelebtes Menschenkind hockte dort und richtete seine erloschenen Augen unverwandt auf das Gehöft.
Die Spähende beugte sich vor. Das war ja der alte Krischan? Eine merkwürdige Freude befiel die Leidende. Sie fragte sich nicht, ob es passend sei, mit dem entlassenen Knecht zu verkehren, hastig, mit fieberischer Eile lief sie auf ihn zu und berührte seine Schulter.
Mühsam hob der Greis das nickende Haupt, und als er die Frau in dem einfachen, grauen Kleide erkannte, lief ein schwaches Lächeln über die vertrockneten Lippen.
Für Else war er stets ein treuer Kettenhund gewesen.
»Arm’ Fru,« sagte er und strich mit seiner welken, zitternden Hand an ihrem Arm herunter. »Arm’ Fru.«
Das war die Begrüßung.
»Nein, nein,« rief Else laut, damit er sie verstände. »Ich bin nicht mehr krank, Krischan, ich fühle mich viel wohler.«
»Arm’ Fru,« nickte der Alte unverändert, beinahe mitleidig.