Es war so bezeichnend gesprochen und von so unverkennbarer Abneigung begleitet, daß Hedwig sich rasch erhob und ohne ein weiteres Wort aus der dumpfen Krankenstube hinauseilte. Kaum war sie draußen, so atmete sie erleichtert auf und flog in ihr Kämmerchen empor, das sie seit Elses Rückkunft wieder bewohnte.

Dort oben entzündete sie Licht, öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus und sog den warmen betäubenden Nachtduft ein, der von Wiesen und Äckern herüberquoll.

»Wie lange mag sie wohl noch leben?« ging es wieder ungeduldig durch ihre Sinne. Sie harrte jetzt schon wie eine Verzweifelte. Und während sie bereits halb entkleidet auf ihrem Bette kniete, streckte sie noch einmal sehnend die Arme aus, als wollte sie jemand umfangen, unauflöslich an ihrer Brust verstricken. Glut und Begehren schwemmten alle Angst fort. Wild, ohne alle Eindämmung, lag sie im Bette und lauschte, ob nicht Wilms kommen würde, ihr das Abscheiden der Verfallenen zu melden.

Ein längstvergessener Liedvers fiel ihr ein. Den summte sie in ihrer Aufregung vor sich hin:

»Der schwarze Reiter hält vorm Haus.
Komm’ feine Frau zu mir heraus,
Ein Hemd genügt – mußt eilen,
Daß ich vom ersten Morgenstrahl
Zurück bin über See und Tal;
Wir reiten viele Meilen.«

Aber der schwarze Reiter hielt noch nicht vor dem Pachthof, das Stundenglas rann noch weiter.

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Es schlug eins.

Die Kranke regte sich. Mit feuchter Hand hielt sie noch immer die Rechte des Gatten umspannt. »Wilms,« flüsterte sie heiser.

Aufgescheucht fuhr der Pächter empor. In seiner Betäubung hatte er dem Schlummer nachgegeben und merkte erst jetzt, daß die erloschnen Augen seiner Frau schon lange stumpf und starr auf ihm ruhen mußten.