Die Trostesworte des Arztes mußten der Hingestreckten Linderung verschafft haben, denn sie lag jetzt still und nickte Hedwig eifrig zu, näher heranzukommen.
Die Jüngere gehorchte. Dabei empfand sie, daß die Blicke der Kranken sie durchdrangen, und obwohl es ihr schien, als ob der silberne Ring, den ihr Wilms geschenkt hatte, jetzt an ihrem Finger weißglühend würde, und trotzdem sie glaubte, ihre Lippen würden nun von selbst die heimlichen Küsse bekennen, so bezwang sie sich dennoch und sah die Kranke groß und ruhig an.
Nur ihre Brust hob sich ängstlich. Die Blicke der beiden Schwestern trafen sich, und als Else in diese stillen, braunen Augen hineinsah, schien sie Beruhigung zu schöpfen. Wenigstens zog sie Hedwig bis auf den Bettrand nieder und streichelte ihr stumm die Wange. Aber im Niederbeugen streifte Hedwigs Gewand den sitzenden Wilms. Ein Schlag durchzuckte das junge, aufgeregte Weib. Wieder war ein Moment gekommen, wo sie sich beinahe über die Leidende geworfen hätte, um die Last von sich zu werfen und all ihre Schuld zu gestehen. Aber der Aufbruch des Arztes drängte sich zwischen ihre Gedanken. Nachdem der Physikus dem Pächter noch einige Verhaltungsmaßregeln erteilt hatte, verabschiedete sich der treue Hausfreund, und bald verkündete ein leises Rollen, daß er vom Hofe heruntergefahren sei.
Die drei bedrückten und beladenen Menschen blieben allein. Tiefes, anhaltendes Schweigen herrschte, nur zuweilen knirschte der Sand auf dem Fußboden, oder die Uhr in dem Kasten regte sich und schlug. Die Kranke lag und hatte die Augen geschlossen, aber unter den gesenkten Wimpern lenkte sie heimlich ihren Blick von Wilms auf Hedwig und von dem Mädchen wieder spähend auf den Mann.
Doch ihrem Argwohn wurde keine Nahrung zugeführt.
Die beiden saßen sich gegenüber, als wären sie sich völlig fremd und gleichgültig.
»Sollte der alte Knecht nur aus Haß gesprochen haben?« dachte Else erleichtert, »ach, wenn das doch wahr wäre.« Eine lange Zeit verging. Da bemerkte Else, die nach Art der Kranken nervös mit dem kleinen Goldherz auf ihrer Brust spielte, wie ihre Schwester sich hinüberbeugte, als wünsche sie mit dem gänzlich in sich versunkenen Manne zu reden.
»Nein – nein.« Das wollte die Leidende nicht. Mitten in ihrer Qual wurde sie eifersüchtig auf die junge Schönheit, die so ruhig auf dem Bettrand saß in ihrem weißen, mit Rosenknöspchen gemusterten Kleide, das leicht und knapp am Körper herunterfloß.
Wie voll sie erblüht war. – Nein, nein, sie sollte mit Wilms nicht reden. Else wollte allein sein mit ihrem Manne. Und jetzt fiel ihr auch auf, wie sonderbar Hedwig das Goldherz betrachtete. Das flößte der Kranken Furcht ein.
»Das Herz – ist – ein Andenken – von Wilms,« brachte sie mit Anstrengung hervor, indem sie das winzige Kleinod küßte, »und nun, Hedwig – geh’ schlafen. – Wilms soll heut bei mir bleiben – ich – ich will allein sein mit – meinem Manne – hörst du?«