Die Gefragte blickte starr auf sie hin. Dann glitt von neuem ein verächtliches Zucken um die aufgeworfenen Mädchenlippen und kurz und gereizt kam die Antwort: »Ich bitte dich, gib dich nun zur Ruhe. Was soll denn noch alles vorgefallen sein? – Komm’, Else, du mußt deine Medizin nehmen.«
So endete dieses Gespräch. Die Krankheit trat wieder in ihre Rechte. Es wurde spät. Jeder Laut auf dem Gute erstarb, und noch immer war Wilms nicht heimgekehrt. Erst als die große Kastenuhr bereits die elfte Stunde gemeldet hatte, hörten die beiden Schwestern seinen Wagen durch den Torweg rollen.
»Wo ist Hedwig?« fragte Wilms noch unter der Tür. Aber er forschte vergeblich.
Beim ersten Geräusch war Hedwig bereits aufgesprungen, hatte die Schwester auf die Stirn geküßt und war dann sofort in ihre Kammer hinaufgestiegen.
»Schon zu Bett,« entgegnete die Kranke matt, und es fiel ihr nicht auf, daß der Pächter, der heute so frisch und froh und stattlich wie selten aussah, zuerst nach dem Mädchen gefragt hatte.
Und siehe – eine Stunde später, da war der frohe Schein von seiner Stirn verschwunden.
Zusammengeduckt saß der große Mann in dem Lehnstuhl, welchen Hedwig vorhin verlassen, und lauschte gedankenlos auf die raschen, röchelnden Atemzüge seines Weibes. Es war ganz dunkel ringsumher. Nur aus einem Glase flackerte ein auf Öl schwimmendes Nachtlichtchen heraus.
Und der Mann saß und dachte an das, was ihm sein armes Weib eben anvertraut hatte.
»Geküßt hatte sie der junge, lebenstrotzende Mensch?«
Es war eine grobe Beleidigung – auch für den Landmann. Aber das fühlte er nicht.