Da fand sie sich wieder in dem kleinen Pensionsstübchen, ein vor Überraschung und Angst gelähmtes Geschöpf, das von dem liebestollen Eindringling mit Küssen überdeckt wird, – das vor Scham nur leise Bitten hervorstammeln und um Schonung flehen kann, und das, nachdem einmal die Binde roh von seinen Augen gerissen ist, sich wehrt, – wehrt mit verzweifelter, glühender, endlich siegreicher Kraft gegen einen Angriff, von dem sie ahnt, daß er ihr etwas Kostbares, Höchstes rauben muß! Großer Gott, was ist seitdem aus ihr geworden? – Was!! Sie wirft sich nieder und preßt ihr Gesicht in die Kissen. Seitdem ringt sie ja täglich so. Nicht mit dem einen, nein, mit allen, allen. Sie schleicht sich in ihrer Vorstellung an diese Rohen, Verhaßten heran, wie das hungrige Meer dort drüben nahe der Insel, das gegen die Felsblöcke schlägt und donnert, und das die Steine zu sich herabziehen will, um sie zu küssen, zu umarmen und zu ersäufen.

»Großer Gott!« – Sie will beten. Aber sie kann nicht beten. Sie verlacht ja den geoffenbarten Glauben. Das hat sie auch drüben gelernt von ein paar schwedischen Mitschülerinnen, welche ihr all jene Bücher geborgt haben, die wie Sturmwind Nebel und Wolken verjagen, aber auch das Meer der Leidenschaft immer wilder in die Höhe peitschen.

Jetzt schäumt’s und brandet’s. Hui, der Sturm pfeift.

Großer Gott – Großer Gott.

Und dann stößt sie die Decken von sich, daß der Mond ihre weißen Glieder küßt, und weint bitterlich.

Frühlingsschauer!


Zweites Buch.

I.