»Lachtest du?« fragte das alte Fräulein, erstaunt von ihrem Briefe aufsehend.
»Bewahre,« beteuerte Line, während sie mit ihrem Finger ein kleines Guckloch in die Eisscheiben malte.
»Aber es klang doch so.«
»Ich habe nur gehustet,« versetzte das junge Mädchen ganz ruhig, indem sie jetzt bereits durch den kleinen Kreis auf die Straße hinausblinzelte.
»Ja, ja, du mußt dich vor Zugluft in acht nehmen,« ermahnte die Tante. »Vom Zuge kommen alle Krankheiten. Viele meiner älteren Bekannten tragen dagegen auch stets ein paar Katzenhaare in der Tasche.«
Wieder setzte sie das Murmeln fort, und so merkte die alte Dame nichts mehr davon, wie sich das Mädchen geschmeidig vorbeugte, wie durch die angespannten Glieder ein kurzes, unterdrücktes Lachen bebte, und daß sich über das Gesicht jener seltsame belebende Zug verbreitete, ein Aufstrahlen, das die Lehrerin nun schon seit Jahren als unbegreiflich bei dem sonst folgsamen Geschöpf zu unterdrücken bemüht war.
Auf der anderen Seite der Straße wanderte zur selben Zeit eine untersetzte stämmige Gestalt auf und ab, ungelenk, in blauer Düffelschifferkleidung, einen ungeheuren grauen Schal um den Hals, und bis unter die blaue Mütze mit Sommersprossen bedeckt, die auch im Winter nicht abblaßten. Unter beiden Armen aber trug die Gestalt je einen mächtigen Korb, deren Deckel sie ab und zu lüftete, um dann, nach einem Seitenblick auf das wohlbekannte Blumenfenster, rasch wieder beschämt vorüberzutraben.
Das war Hann Klüth, der gegen den Widerspruch des geizigen Siebenbrod alljährlich am Neujahrsmorgen eine hochgepackte Sendung Blut- und Leberwürste sowie zwei schneeweiße, lebende Gänse in diesen Körben zu Fräulein Dewitz beförderte. Allein jedesmal bedurfte es größerer Energie, um ihn das schmale Holztreppchen hinaufzubringen. Bei Fräulein Dewitz war alles so vornehm, und wenn das alte Fräulein ihn mit wohlwollender Herablassung in einen ihrer gelben Lehnstühle niedernötigte und Line ihn lachend fragte, ob er die Gänse auch selbst gestopft hätte, oder wann er wieder einen Hecht unter dem Eise stechen würde, dann empfand Hann stets eine Unbehaglichkeit, eine innere Erniedrigung, die er sich selbst nicht gern eingestehen wollte.
Warum Line ihn wohl so fragte? — Und weshalb sie stets die Lippen zu solch eigenartigem Lächeln verzog, so oft sie seiner ansichtig wurde? Ja, ja, es war richtig, sie war bei Fräulein Dewitz eine wirkliche junge Dame geworden, die auf dem Kapitänsball und bei dem Studentenball getanzt und sehr viel gelernt hatte, aber er — Hann Klüth — das wußten alle andern man nich — und dabei lachte er während des Hintrabens wehmütig-stolz auf das schneebedeckte Trottoir hinab — er war auch gar nicht so dumm geblieben. Ja, das ahnten sie man alle nich, wieviel er ebenfalls sich herausgeklüstert hatte, während der langen Boddenfahrten bei Tage und bei Nacht. Er hatte so seine eigene Ansicht über das meiste, was man sehen und denken konnte. Sie brauchte zwar nicht die richtige zu sein, das nicht; aber er hatte doch eine. Und das Denken, — das von eins auf zwei kommen, und von da in die großen Zahlen hinein, das war nun mal sein einziges Vergnügen. Das hatte er gegen all die Püffe von Siebenbrod und die Tränen von Mudding und mit alleiniger Unterstützung des Lügenlotsen oll Kusemann durchgesetzt.