»Du sollst nicht Fräulein sagen,« verwies die grauhaarige Dame und schüttelte zwei große Locken, die einen glatten Scheitel flankierten.
»Tante,« verbesserte sich Line.
»Gut — so klingt es liebevoller. — Zwar, wenn wir allein sind, dann höre ich es auch gern, wenn du mich >du< nennst. Vor Fremden freilich bleibt das >Sie< mehr am Platz. Denn bei der heutigen Jugend, meine ich, muß man auf Respekt halten. Das ist nötig.«
»Gewiß,« bestätigte Line, die gar nicht gehört hatte, jedoch der alten Dame nie widersprach. »Darin hast du ganz recht, Tante.«
»Ja, ja,« fuhr das gute Fräulein fort und befeuchtete sich ihre Unterlippe, was sie wohl in ihren langen Dienstjahren als Handarbeitslehrerin angenommen, »du bist nun die letzte, die ich erziehe. Gott ja, wenn ich so zurückdenke, — und am Neujahrsmorgen kommt einem das so unwillkürlich — dreißig Jahre hab' ich all die kleinen Mädchen vor mir sitzen gesehn und habe sie nähen, stricken und sticken gelehrt — jede hatte ihren eigenen Knäuel, den sie bei mir kaufen mußte — und ich rechnete genau dasselbe dafür, was er mich selbst kostete. — Lieber Gott, es ist wahr, manche stellte sich gar zu ungeschickt an; aber schließlich — lernen mußten sie es eben, denn damals wurde das nicht allein von der Familie, sondern auch vom Staat verlangt. — Ja, siehst du, mein Döchting, ich hab' oft darüber nachgedacht, damals legte man noch mehr Gewicht darauf, daß in den kleinen Dingern so allmählich eine rechte Stille und Ruhe groß würde, und dazu — das weiß ich gewiß — dazu war grade mein Fach so recht geeignet. Wenn sich die frischen Gesichter beim Häkeln herabbeugten und dabei zählen mußten: >Eins, zwei, drei — feste Masche — eins, zwei, drei — Stäbchen —,< siehst du, dann kam ordentlich etwas Hausmütterliches in sie hinein. Es war rührend anzusehn. Jetzt ist das alles anders.«
Das alte Fräulein seufzte ein wenig, befeuchtete die dicke Unterlippe mit der Zunge und vertiefte sich in einen neuen Brief, den sie eben entfaltet hatte.
Eine Zeitlang hörte man nichts als das Murmeln von Fräulein Dewitz und das frische Knacken der Holzklötze, die in dem blankgescheuerten, weißen Ofen lustig brannten.
Dann klang ein halbes Kichern durch den Raum, und Line, die noch immer abgewandt am Fenster lehnte, reckte ihre schlanke Gestalt.