Der Schiffer zuckte zusammen.
Diese Stimme hatte noch immer für ihn etwas Weckendes, Alarmierendes. Allerdings in den langen Jahren, in denen er nun schon von Line getrennt lebte, hatte er längst eingesehen, daß der Abstand zwischen ihnen beiden ein unermeßlicher geworden. Sie, eine Stadtdame, die bei Konsul Hollander zu Tisch aß — und er, der Bootsmann von Siebenbrod, der für eine Mark die Studenten auf dem Bodden spazieren fuhr. — Ne, ne, die Zeiten, wo sie seine Braut war, wo oll Kusemann sie beide im Abendnebel getraut, und wo sie Hann vor Angst zitternd geküßt hatte, die waren vorüber. Für immer. Bloß das Drandenken, das blieb schön. Und das tat er auch. Ohne daß einer es ahnte. An den langen Winterabenden, wenn Mudding, Siebenbrod und er neben dem Herde in der Küche saßen und Netze flickten und der scharfe Fischgeruch sich mit dem Torfbrodem mischte, dann sann er und sann. Und wenn dann eine Möwe an der Mauer mit scharfem Flügelschlag vorüberstrich, dann glaubte er, die flinke, kleine Line husche wieder durchs Haus; und wenn er die Reiher auf dem Eise tanzen sah, dann dachte er daran, wie Line tanzen konnte. Auch an den Tanz in der Schenke, ein paar Wochen nachdem der Vater gestorben, mußte er sich erinnern. Ja, ja, wie hübsch ihre Röcke damals wirbelten — hm —
»Hann,« rief die helle Stimme noch einmal. Hann fuhr zum zweiten Male empor und begann sich heftig zu schämen. Richtig, jetzt hatten ihn die »verfluchtigen Gedankens«, die so oft über ihn kamen, jetzt hatten sie ihn auf offener Straße in ihre Gewalt bekommen, so fest, daß er beinah vergessen hatte, weswegen eigentlich die Körbe an seinen Armen hingen. Nun half es nicht länger, jetzt mußte er hinauf. Ohne den Blick zu erheben, lüftete er die Mütze vor Line und stieg die schmale, gewundene Holztreppe in die Höhe.
»Oh,« rief Fräulein Dewitz, nachdem er mit einem Kompliment die Körbe vor ihr niedergesetzt, »Lining, sieh her, ich glaube gar, das ist ein Geschenk für uns. Was das wohl sein mag?«
Line antwortete nicht. Mit ihrem leisen verhaltenen Lächeln stand sie noch immer am Fenster und sah mit an, wie Hann ungeschickt in den Korb griff, um eine der Gänse am Halse in die Höhe zu bringen.
»Ei der Tausend — eine Gans,« verwunderte sich Fräulein Dewitz, obwohl dieser Transport in ihrem Haushalt schon lange vorher berechnet war. Aber die gute alte Dame glaubte den Spendern durch ihr jedesmaliges Erstaunen eine Freude bereiten zu müssen. »Und was mag wohl in dem andern Korb sein?« fuhr sie fort und leckte sich im Vorgeschmack die Lippen. »Das sind doch nicht etwa — — —?«
»Ja, Madamming,« unterbrach Hann, »Würste.«
»Nein, wie aufmerksam,« lobte die Handarbeitslehrerin, und dann machte sie mit ihrer gepflegten weißen Hand eine einladende Bewegung, damit sich Hann in den Korbstuhl ihr gegenüber niederlassen möchte.
Allein das war der gefürchtete Moment. Hann blieb stehen, versuchte wieder eine Verbeugung und begann davon zu sprechen, daß heute Neujahr sei, und daß er herzlich gratuliere.
»Ich danke Ihnen — ich danke Ihnen aufrichtig, lieber Herr Klüth,« sprach die alte Dame wohlwollend und vollführte nochmals ihre Handbewegung, die Hann jedoch nur von neuem erröten ließ.