Der Theologe beugte sich über das Geländer, um Bruno besser sehen zu können.
»Ja, ja, so bist du,« grollte er. »In jedem Wort sprichst du dich selbst aus. Immer nur auf den augenblicklichen Vorteil hin leben. Was man damit anrichtet und aufgibt, ganz gleich. Nein — aber es soll doch wenigstens einer hier in dem Hause existieren, der einen Willen und eine Meinung besitzt. Der Vater wird zu Gott berufen, die Mutter hat in ihrer Sanftmut nie gewußt, was Selbstbestimmung heißt. Du und dieses kleine Ding, die Line, ihr lebt wie in einem heidnischen Traum befangen, und Hann — Gott« — er zuckte die Achseln — »Hann ist es nicht so gegeben. Deshalb soll Vater noch beim Scheiden die Beruhigung empfinden, daß wenigstens eine Hand da ist, die alles zusammenhalten will.«
In seinem Eifer hatte er auf das so fest an sich gepreßte Buch nicht mehr acht gegeben. Jetzt vermißte er es.
Einen halblauten Ausruf der Überraschung stieß er aus.
»Bruno — Hann — wo ist die Bibel? — Wo?«
Ja, wo war sie?
Wie ein Schatten, katzenhaft, leichtfüßig, in all ihrem Schrecken vor dem Tode da oben leicht kichernd, flog Line die Treppe in die Höhe.
In ihren Händen etwas Schwarzes, Umfangreiches.
»Line — Line,« rief der Student totenbleich hinter ihr her.
Da zögerte sie an der Tür noch einen Moment. Als sie aber Schritte, Sprünge vernahm, duckte sie sich, und — — durch die entstehende Türspalte steckte sie etwas hindurch.