Der Konsul Hollander merkte das Grünen und Blühen daran, daß sein neuer Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frühjahrsanzug in dem Bureau erschien.

»Menschenskind,« rief Hollander süß-sauer, »was haben Sie da wieder für ein schönes Gebäude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? — Die Adresse von dem Schneider müssen Sie mir geben.«

Auch bei Fräulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich an.

Der Bursche des Weinhändlers Kroll stellte sich nämlich in der Küche der Lehrerin ein und übergab dem erstaunten Fräulein zehn Flaschen Maibowle, die Bruno aus spezieller Verehrung für die alte Dame gesandt hatte.

Auf einer beigefügten Karte stand außerdem zu lesen: »Daß der Spender, wenn er nicht fürchten müsse, das hochverehrte Fräulein zu stören, sich gern erlauben würde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemütlichen guten Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Fräulein während des Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.«

»Sieh — sieh,« räusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektüre dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wären, »sieh — sieh — ja, es stimmt — nein, dieser Herr Bruno ist wirklich — Gott, wie sag' ich — wie solch ein Kavalier aus dem ancien régime. Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darüber verwundern, Lining, wie du darauf verfällst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu kränken. Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schön du zu lesen verstündest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren Vergnügungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich muß mich noch immer an euch beide als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: >Der Himmel und Ferdinand reißen an meiner Seele< — sieh, da hast du mich wirklich direkt gerührt.«

Line hörte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen spielte ein vieldeutiges Lächeln. — —

Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wäre sie wohl solch schwarze, kleine Hexe, die es den Männern mit einem gemurmelten Spruch antun könnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wußte ja besser, was den hübschen Bruno so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Fräulein Dewitz hinauftrieb. — Der Kuß — dieser eine brennende Kuß — und sie lächelte hinterlistig — den sie geleugnet hätte, würde man sie daran erinnert haben, denn er war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrückt war, und das sich nun weiterfressen mußte bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line — und niemals Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. — Nur sachte, sachte, sie wußte schon, wie Netze gelegt werden müßten, nicht umsonst war sie eine Fischertochter — und die andre, was war sie weiter als eine kalte, dummstolze Geldprinzessin —? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn nicht zu allerlei Tollheiten verführen und ihn quälen und wieder glücklich machen und wieder quälen, ganz wie es geschehen mußte, bis man seiner völlig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb im Besitz?

Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Fräulein Dewitz geahnt hätte, zu welchen Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise — leise — still, daß ja keiner hört! Da lagen in den Kästen ihrer Kommode, tief unten versteckt, allerlei Ringe und Armbänder und Halsketten von roten Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf ihrer weißen Haut schimmern gesehen, und Gürtel mit bunten Steinen, und das allerschönste war ein winziges Glasdöschen voll mit Goldstücken, es konnten gewiß fünfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war, verstohlen durch die Hand laufen ließ.