Jetzt lachte das Mädchen nicht mehr.
»Auf wen? — sag' doch — auf wen, Tante?« klang es plötzlich so schrill, so kreischend, daß das alte Fräulein entsetzt in die Höhe fuhr. Aber sie hatte sich wohl getäuscht, denn das Mädchen stand schon wieder ganz ruhig vor ihr, nur die Hände wanden sich in ewiger, unruhiger Drehung umeinander.
»Wen meinst du denn, Tante? Du sagtest doch vorhin — —«
Und nun begann die alte Dame wie verzweifelt an ihren Handschuhen herumzuknöpfen und brachte zitternd und verwirrt hervor, was sie eben erfahren. Unzusammenhängend Bruchstücke. Der Konsul hätte einen Brief erhalten — »denke dir, als er noch gar nicht rasiert war, ja, ja, noch nicht einmal rasiert,« aber das Zimmer Brunos sei bereits leer gewesen, auch der Koffer verschwunden. — Und gerade als das alte Fräulein eingetreten, wären Siebenbrod und Paul gerufen worden. Der neue Herr Pastor — ja, wohin sei er doch gewählt? Auf den Walsin oder auf den Swensin? Ach, es ist ja ganz gleich. — Und der erste, der es merkte, wäre der alte Johann gewesen, als er am Abend einen Lichtschein in dem Kassenzimmer wahrgenommen. Freilich, wer hätte auch glauben sollen, daß dieser feine, gebildete junge Mann ein Betrüger werden könnte. — Gott verzeih es einem, man möge das Wort ja gar nicht aussprechen! Und denke dir, Lining, fünfundzwanzigtausend Mark soll er auf den Namen des Konsuls an der Börse verspielt haben, und warum? Am Ganzen, sagen sie, seien die Amerikaner schuld. »Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist nicht gut, wenn Republiken so groß werden. — Ich sagte es ja.«
So sprach und hastete die alte Dame vor sich hin und knöpfte erregt ihre Handschuhe auf und wieder zu und merkte es gar nicht, wie ihr eine große Träne die Wange hinunterlief, denn im Herzen trauerte sie um ihren Liebling, der ihr stets so formvollendet die Fingerspitzen geküßt hatte.
Wie war's doch? Ein cavalier d'ancien régime. Ach, du lieber Gott, und jetzt ein Betrüger; aber wer kann aus dieser jungen Welt klug werden? Damit raffte sie sich zusammen, schloß die Tür auf und, einem bezwingenden Triebe folgend, gedachte sie wieder in das Haus Hollanders zu eilen, um abermals zu hören, zu ratschlagen und wieder von dannen zu flattern, als ihr plötzlich auffiel, daß Line sich noch gar nicht geäußert hätte.
Sie warf einen raschen Blick auf ihre Pflegebefohlene.
Da saß sie auf dem Tritt, auf dem die Lehrerin sonst selbst immer rastete, und zupfte mit einem verstörten Lächeln an den Fransen des Fensterkissens herum. Fräulein Dewitz stutzte. Wie merkwürdig zuckten die Lippen in diesem blassen Gesicht, wie krampfhaft gespreizt hielt sie ihre Finger, und wie unnatürlich wogte die Brust, als ob sie nur mit großer Qual laute, wilde Rufe unterdrücke.
»Lieber Gott!«
Fräulein Dewitz erschrak so über diesen Anblick, daß ihr alles andere nebensächlich wurde und ihre Hand auf der Türklinke zitterte.