Sie machte eine schnippische Handbewegung und übersah es, wie er mit tiefgebeugtem Haupte vor ihr stehen blieb. Noch einmal streckten sich seine großen Finger nach ihrer Hand aus. Doch sie legte die ihren sogleich auf den Rücken.
»Also in wenigen Monaten schon?« kam es stückweise von seinen Lippen.
»Ja,« nickte sie nervös, »ich zähle jeden Tag.«
»Ja, ja — das tust du. Ich weiß es woll. Und wohin gehst du dann?«
»Dummer Hann, wo es mich gerade hinweht, nur recht weit von hier. Aber sieh, da biegt Klara Toll um das Haus. Hu, wie feierlich sie aussieht. Ganz wie eine Nonne. Ich gehe an den Binsensteg. — Und du vertrag dich wieder mit ihr. Das ist das beste, was du tun kannst.«
Damit wand sie sich an ihm vorüber, und er starrte auf die weißen Dielen und schlug sich mit der Faust vor die Brust. Dann griff er sich an den Kopf und sah sich wirr um: »Dummer Hann,« quoll es von ungefähr aus ihm heraus. »Jawoll, dummer Hann. — O Gott, weshalb hast du mich da reingebracht? — Und weshalb muß das Weib grade das Glück sein? — Und warum muß diese da, die doch so schlecht is, für mich die allerbeste sein? — Ach, und warum hast du uns solch kleinen Kopf gemacht und solch große Rätsel da reingeschlossen? — Wozu soll das alles gut sein?«
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Aber Line war nicht bis zur See hinabgeschritten, wie sie vorgegeben hatte.
Hinter dem großen Holzzaun, von dessen Zacken allerlei bunte Wäschestücke der Katenleute herabflatterten, weiße, blaue und rote, war sie stehengeblieben und drückte sich jetzt eng gegen das Holz an, so lange, bis sie dachte, daß das junge Mädchen in der blauen Tracht den Vorderflur erreicht haben müsse.
Jetzt läutete die Türglocke ihren rostigen Klang, und nun schlich Line auf den Zehen in die Küche zurück, die zu ihrer Freude leer stand, und legte ihr Ohr an die anstoßende Tür.