Und es war so natürlich, daß der Knabe zu dem Lügenlotsen seine Zuflucht nehmen wollte. Denn dieser Phantast ohnegleichen, dem das Leben eine einzige bunte Unwahrheit, eine schillernde Seifenblase erschien, der sich an seinen eigenen, närrischen Geistessprüngen ergötzte wie ein Kind, das den Affenkäfig beschaut, — er brauchte Hann als sein Publikum, als seinen Hörer — und deshalb liebte er ihn. Und auch Hann verehrte den Alten leidenschaftlich als seinen einzigen Freund. Ja, in das Wetterhäuschen zu oll Kusemann mußte der Junge.
Vorsichtig, nach allen Seiten ausspähend, schlich der Geprügelte die wenigen Schritte bis zur Hafenmündung, wo auf einer Steinmole eine ausrangierte Badehütte stand.
Das war der Beobachtungsposten des Lügenlotsen.
Und richtig, da lehnte der Gesuchte in der offenen Tür, strich über seine schmucke, blaue Uniform und fuhr sich wohlig über den spitz geschorenen, grauen Kinnbart, denn oll Kusemann hielt sich trotz seiner Sechzig für einen schönen Mann, für einen Eroberer, von dem Frauen, Dirns und noch Jüngere zu erzählen wußten.
Als er den fröstelnden Jungen gewahrte, schielte er mit seinen fröhlichen, blauen Augen auf ihn hin, denn oll Kusemann schielte ein wenig, spuckte pfeilschnell und kunstgerecht seinen Priem dem Ankömmling vor die Füße und äußerte teilnehmend: »Na, Hann, bist ins Wasser geschmissen worden?« Denn der Lügenlotse hatte durch sein Lugfenster und mit seinem Fernrohr längst das Erlebnis seines Freundes festgestellt.
Hann stutzte.
Was war das wieder für ein neues Wunder?
»Woher weißt du das, oll Kusemann?«
Statt einer Antwort wies der Angeredete mit seinem Fuß ein wenig in die Höhe, und da sah denn Hann, wie oben auf dem Dach der Hütte der gezähmte Rabe oll Kusemanns, Niklas mit Namen, hin und her hüpfte, von dem der Lotse oft mit größtem Ernst behauptet hatte, daß dieser Vogel ihm alle möglichen Geheimnisse hinterbringe.
»Ach so,« sagte der Junge und senkte demütig den Kopf.