HER NITHART.

Welche sonderbare Spiele der Zufall bisweilen treibt, das zeigt sich bey dem folgenden Liede auf eine höchst auffallende Weise. — Hr. G. VON BRETSCHNEIDER, Rath und Bibliothecar in Lemberg, fand zwischen dem Holz und Leder eines alten Einbandes aus dem funfzehenten Jahrhunderte ein Pergamentblatt, worauf ein Deutsches Lied stand. Er schickte dieses Blatt an Hrn. Hofrath MEUSEL, mit dem Wunsche, es in Kupfer stechen zu lassen, und in das historisch-litterärisch-bibliographische Magazin aufzunehmen. Diesem Wunsche gemäss, erschien in dem zweyten Stücke dieses Magazins (Zürich 1780. S. 81 ... 90) das Lied in Kupfer gestochen, abgedruckt, und mit einer Übersetzung und Anmerkungen von Hrn. VON BRETSCHNEIDER begleitet. So viele Ehre war bis jetzt noch keinem Altdeutschen Liede widerfahren. — Wem die Minnesinger nur etwas mehr als dem Nahmen nach bekannt sind, der kann dieses Lied nicht durchlesen, ohne sich an HER NITHART zu erinnern. Mir schien es, seinem Ton und Inhalte nach, so bekannt, dass ich den Abdruck der Mannessischen Sammlung aufschlug, um nachzusehen, ob ich es vielleicht dort bereits gelesen hätte. Das war nun zwar nicht der Fall mit dem ganzen Liede, aber doch mit den vier letzten Zeilen; und vor diesen vier letzten Zeilen findet sich (Th. II. S. 78) die Bemerkung des Herausgebers:

(Wieder eine Lyke von etlichen Strophen)

So musste also ein Buchbinder im funfzehnten Jahrhunderte ein Pergamentblatt einkleben, auf dem dasselbe Lied steht, das auf einem aus der Pariser Handschrift ausgerissenen Pergamentblatte stand; und eine Lücke, die in einem zu Zürich gedruckten Buche gewissenhaft angezeigt war, musste in einem ebendaselbst gedruckten Buche dreyssig Jahre später unbemerkt ausgefüllt werden. Schade nur, dass wir nichts Besseres dadurch gewonnen haben, als ein Lied von HER NITHART! Jedoch auch diess mag als Neckerey des Zufalls gelten. — Auf alle Fälle ist der Fund als eine Ergänzung nicht des Abdrucks der Manessischen Sammlung, sondern der Handschrift selbst anzusehen, und da Hr. VON BRETSCHNEIDER, woran wohl die verlöschte Schrift Schuld ist, nicht durchaus richtig gelesen zu haben scheint, so mag das Lied, so wie ich es lese, mit beygefügter Interpunction, hier stehen.

Traget us dy schamel und dy stuͤle!

Heist dy schragen

Vuͤrder tragen!

Talank suln wir tanczes werden muͤde.

Tůt uns uf dy stůbe, so ist uns kuͤle,

Das der wint